So a Kas – vom Gras ins Glas | Florian Lugger von INSRIGIS

So a Kas – vom Gras ins Glas | Florian Lugger von INSRIGIS

Heute ausnahmsweise mit Elektroauto bewaffnet, kurve ich die schmalen Straßen durchs Lesachtal. Verfahre mich 1 bis 5 mal und lande dann wohlbehütet bei Florian Lugger. Denn gerade bin ich am Peintnerhof in Niedergail (Obergail war aus -haha), wo es jeden Tag zum Frühstück die INSRIGIS Milchprodukte von Florian gibt. Weil ich ja grundsätzlich wissen will, wo unser Essen herkommt konnte die Investigativbäuerin in mir nicht ruhig schlafen, bis sie die Quelle aufgespürt hat. Florian steht vorm Stadl und grinst. „Und was willst du eigentlich ganz genau?“. Ich erkläre dem 27-jährigen Hofübernehmer, dass ich sehr auf gutes Essen stehe und wissen will, wo´s herkommt. „Tada – da bin ich.“ Na gut, sagts und führt mich ins Heustadl – die Tenne. Die Jugend in Kärnten, was soll man sagen.

Foto - So a Kas – vom Gras ins Glas | Florian Lugger von INSRIGIS

Durch’s Reden kommen die Leut´ zam

Es riecht unheimlich gut nach Heu. Vor uns türmen sich Heuberge. Es ist laut. Was das denn ist, schreie ich Florian durch den Wirbel hindurch an. Die Heutrocknungsanlage. Aha. Florian hat 6 Milchkühe und 9 Hektar Grünland. Die Tiere sind im Sommer auf der Alm und den Weiden ums Haus – den Hutweiden. Für den Winter wird das Gras gemäht, getrocknet und die Kühe werden ausschließlich mit Heu gefüttert. Keine Silage (das Gras, das wie Sauerkraut mit Milchsäurebakterien für den Winter haltbar gemacht wird) Kein Kraftfutter. „Bei uns sollen die Kühe das fressen, was ein Wiederkäuer eben fressen soll: Gras und Heu.“ Während ich noch grüble wie viel Gras und Heu eine Kuh im Jahr frisst, gehen wir schon weiter.

Was ist eine Hutweide?

von Bianca Blasl (in Vertretung 🙂 | What the FAQ - Die BauertothePeople Wissensschnipsel

Richtig gesehen, das ist ein Exkurs:

 

Übers füttern von Milchkühen.

Wie viel eine Milchkuh frisst, hängt von der Milchleistung (also wie viel Milch eine Kuh pro Tag gibt), der Tiergröße, der Futterart und vielen weiteren Faktoren ab. Die Art, wie Florian seine Tiere füttert ist mit Abstand die arbeitsintensivste. Da die Kühe kein Kraftfutter wie Getreide, Soja et cetera bekommen, müssen sie ihre ganze Energie aus dem Gras und dem Heu nehmen. Entsprechend viel Gras müssen sie im Sommert auf der Weide fressen oder im Winter im Stall als Heu gefüttert bekommen. Im Sommer kann eine Kuh pro Tag zwischen 70 und 140 Kilogramm Gras fressen, im Winter sind es zwischen 15 und 20 Kilogramm Heu.

Alles da

Florian geht mit mir in den Stall. Von der Landwirtschaft soll man leben können. Das heißt auch essen können. Florian und seine Familie versorgen sich fast zu 100% selbst mit Lebensmitteln und Energie. Im Stall wohnen im Winter nicht nur die Kühe, sondern auch Schweine, die mit der Molke, die beim Käsemachen anfällt, gefüttert werden. Außerdem gibt es Hühner, die das Getreide fressen, das am eigenen kleinen Acker wächst. Daraus wird auch Brot gebacken. Eine Hofkatze gibt es auch. Für die Tierschützer unter euch: die wird nicht gegessen, die is(s)t für die Mäuse zuständig. Am Weg vorbei an Streuobst- und Gemüsegarten treffen wir Florians Mama am Erdäpfelacker.

Auf einer Wiese in der Nähe stehe Bienenstöcke. Das Warmwasser kommt von der Hackschnitzelheizung. UND: Die Familie Lugger betreibt ein eigenes kleines Wasserkraftwerk.

Versorgt sich und die Umgebung mit Öko-Strom. Wir fahren zur Turbine und zum Kraftwerk. Das meiste ist selbstgeplant und gebaut, erklärt Florian. Innerhalb von 15 Jahren soll sich der Bau des kleinen Kraftwerkes amortisiert haben und Geld einspielen.

 

Milchbubenrechnung

Und die Milch, und der Käse und die Butter, wo ist das alles? Florian führt mich ins Erdgeschoss des Wohnhauses. Zwei Zimmer. In einem Getreidemühle und Hartkäseexperiment – Florian übt sich zum ersten Mal in der hohen Kunst des Hartkäsemachens. Im zweiten Zimmer: der Milchverarbeitungsraum. Hier wird auf kleinem Raum die Milch von den 6 Kühen zu Butter, Mozzarella und Joghurt verarbeitet. In der Woche circa 300 Liter. Früher hat die Familie die Milch an eine Molkerei geliefert. Seit Florian den Betrieb mit 23 übernommen hat, verarbeitet und vermarktet er seine Milchprodukte unter dem Namen INSRIGIS. Insrigis ist ein Dialektwort und bedeutet Unseres, Eigenes, Selbstgemachtes. Er ist fast immer ausverkauft und setzt bei der Verpackung auf Mehrweggläser, die ihm seine Abnehmer wiederbringen.

 

Und alles was nicht mit der Landwirtschaft per se tun hat?

Menschen sind wir alle: Mir fällt es nicht leicht Florian die Frage zu stellen, wie es denn ist, allein am Betrieb als junger Mensch und die Eltern als Arbeitskollegen. „Natürlich gibt es auch oft Meinungsverschiedenheiten“, erklärt er. Schließlich haben die Eltern früher einiges anders gemacht. Doch am Ende des Tages halten sie zusammen. Florian sagt zwar, er hat genügend Freizeit, die er auch mit Freunden verbringt. Doch wenn ich mir so anhöre, wie viel er arbeitet, merke ich: Es hat wohl wirklich jeder einen anderen Zugang. „Schade ist, dass ich heim muss zum Melken, während die anderen noch sitzen bleiben“, gesteht Florian.

Foto - So a Kas – vom Gras ins Glas | Florian Lugger von INSRIGIS

Tal der Männer

Angesprochen auf die Frauen erzählt mir Florian, dass die meisten jungen Frauen wegziehen. Um zu studieren oder wo anders zu arbeiten. Es gibt zwar Arbeit in der Fabrik oder im Tourismus. Aber das ist eben nicht für jeden und jede. Viele seiner Freunde haben den elterlichen Hof übernommen oder arbeiten in der Gegend. Ob die Frauen wiederkommen? Was weiß man.

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

Patricia und ihre Familie haben uns beim Besuch ein Gefühl dafür gegeben, was es bedeutet, mit Leidenschaft Land- bzw. Viehwirtschaft zu betreiben. Die 28-jährige Powerfrau ist Schafbäuerin, die erste weibliche Obfrau der Schafjungzüchter in Tirol und all das schafft sie neben ihrem Vob als Disponentin beim Lagerhaus in Innsbruck.

Foto - Patricia Kofler - Powerfrau auf der Alm
Auch mein Tag hat nur 24 Stunden

Patricia, Papa Walter und Bruder Christian bewirtschaften den Hammerschmiedhof in Wörgl, Tirol. Auf 100 Hektar Hochalm auf bis zu 2400 Höhenmetern verbringen ihre 100 Tiroler Bergschafe zusammen mit Pferden und Kalbinnen (so nennt man junge Kühe, die selbst noch kein Kalb geboren haben, also quasi die Teenie-Kühe). Sie schlachten selbst und vermarkten das Fleisch direkt. Als angesehene Züchter räumen sie regelmäßig Medaillen bei Zuchtbewerben ab. Die Rassetiere sind teilweise mehrere tausend Euro wert. Reich wird man davon aber trotzdem nicht – ganz im Gegenteil: ohne Leidenschaft und Idealismus geht gar nichts.

Powerfrau – Bauerfrau

Landwirtschaft und die Liebe zu den Tieren sind Patricia in die Wiege gelegt. Von klein auf ist Patricia mit ihrem Vater unterwegs, lernt alles über Landwirtschaft, Schafzucht, Kühe und Pferde. Mit 20 Jahren schickt er sie zum ersten Mal alleine Schafe bei einem Bauern kaufen. Dem handelt sie dermaßen das Weiße aus den Augen, dass der Papa daheim nur so schaut. Ihre Überstunden bei ihrem Job als Zuchtwartin und Klassifiziererin in Schlachthöfen baut sie ab, indem sie den Landwirtschaftsmeister macht, die Arbeit in der Landwirtschaft und ihre Funktion als Obfrau sind für Patricia gleichermaßen Freizeit und Ausgleich. Damit einen das Hamsterrad des Alltags nicht erschlägt, gibt sie jungen Kolleginnen und Kollgen den Tipp, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen.

Mein Vater, mein Arbeitskollege

In der Landwirtschaft sind Familie und Arbeitskollegen oft dieselben Personen. Auch wenn es Diskussionen und Streitpunkte gibt, muss man sich gezwungenermaßen zusammenraufen. Aus dem Weg gehen kann man sich nicht. Warum das zusammenschweißt und wie genau das noch stärker macht, erzählt uns Patricia im Podcast.

 

Vom Schafeschlachten und – essen: wie man Tierwohl schmeckt

Den ganzen Sommer dürfen Koflers Schafe auf der Alm verbringen, fressen das saftigste Gras und die besten Kräuter. Auf der Alm brauchen die Schafe viel länger Zeit, um Fleisch anzusetzen, als im Stall. Wie die Alm im Schaf schmeckt und warum sie sich den Aufwand antun, verrät uns Patricia im Gespräch.

Papa Walter ist seit über 35 Jahre Fleischhauer. Schlachtet und verarbeitet alle Tiere selbst. Ich durfte beim Schlachten dabei sein. Meine Anspannung war groß. Walter begegnet den Tieren mit dem größten Respekt. Jeder Handgriff sitzt. Zurück bleiben Ehrfurcht und ein gutes Gefühl. Hier wachsen die Tiere unter guten Bedingungen auf, werden professionell und respektvoll geschlachtet. Was übrig bleibt: 6 Euro pro Kilo Fleisch. Der Markt ist schwierig, weil Lammfleisch kaum mehr gegessen wird, weil wir nicht mehr wissen wie das Lamm zubereitet wird, meint Patricia. Wenn dann gibt´s das Lamm im Gasthaus und dann kommt´s aus Neuseeland oder Irland. Warum, weiß sich Patricia nicht zu erklären. Sie und ihr Vater verkaufen ihr Lammfleisch hauptsächlich an Stammkunden – oft arabische Familien: Die wissen noch wie man Schaf zubereitet. Diese Familien kaufen 100 mal regionaler als wir, weil sie das Tier und frische Produkte wertschätzen, meint sie.

Almrasenmäher, 30 Kilometer Zaun und emotionale Wolfsdiskussion

Damit wir Urlaub auf den Almen machen können werden Schafe gehalten – auch. Schafe haben eine Art zu grasen, mit der sie die Almen so erhalten, wie wir sie kennen: grüne Grasflächen auf denen sich Kuh, Pferd, Schaf und Mensch wohlfühlen. Würden die Almen nicht mehr mit einer Kombination aus diesen Tieren beweidet werden, würden sie zuwuchern, verbuschen wie der Profi-Bauer sagt. Wir könnten nicht mehr wandern, die Tiere hätten kein Futter mehr und könnten nicht mehr grasen. Außerdem steigt die Lawinen- und Murengefahr erheblich, da Schnee und Geröll wesentlich leichter über Büsche und langes Gras abrutschen.

Die Alm der Koflers ist gepachtet. Ohne Leidenschaft für Tier, Land und Natur geht gar nichts. Nur um die Schafe halbwegs in den 100 Hektar zu halten, also um zu verhindern, dass sie ständig ausbüchsen, stecken Patricia und Walter jedes Jahr circa 30 Kilometer Zaun. 30 Kilometer, die sie dann am Ende der Almsaison wieder abbauen, sonst würden ihn die Lawinen mitreißen.

Auf den Nachbaralmen hat in den vergangenen Wochen und Monaten ein Wolf unzählige Schafe gerissen. Viele Bäuerinnen und Bauern rundherum mussten deshalb die Entscheidung treffen die Tiere fünf Wochen früher als geplant von der Alm abzutreiben. Nun stehen sie bei 30 Grad in den Ställen im Tal. Die Wiesen im Tal sind eigentlich Winterfutter und werden erst gemäht. Die Bauern müssen Futter zukaufen während die Almwiesen mit dem besten Futter vertrocknen.

Warum das Alles?

Antwort: Leidenschaft für gesunde Tiere und Lebensmittel, für die Berge und die Alm, für die Landwirtschaft.