Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

... von uns, Reportage von uns, Reportagen & Perspektiven

verfasst von Bianca Blasl

September 15, 2020

Patricia und ihre Familie haben uns beim Besuch ein Gefühl dafür gegeben, was es bedeutet, mit Leidenschaft Land- bzw. Viehwirtschaft zu betreiben. Die 28-jährige Powerfrau ist Schafbäuerin, die erste weibliche Obfrau der Schafjungzüchter in Tirol und all das schafft sie neben ihrem Vob als Disponentin beim Lagerhaus in Innsbruck.

Auch mein Tag hat nur 24 Stunden

Patricia, Papa Walter und Bruder Christian bewirtschaften den Hammerschmiedhof in Wörgl, Tirol. Auf 100 Hektar Hochalm auf bis zu 2400 Höhenmetern verbringen ihre 100 Tiroler Bergschafe zusammen mit Pferden und Kalbinnen (so nennt man junge Kühe, die selbst noch kein Kalb geboren haben, also quasi die Teenie-Kühe). Sie schlachten selbst und vermarkten das Fleisch direkt. Als angesehene Züchter räumen sie regelmäßig Medaillen bei Zuchtbewerben ab. Die Rassetiere sind teilweise mehrere tausend Euro wert. Reich wird man davon aber trotzdem nicht – ganz im Gegenteil: ohne Leidenschaft und Idealismus geht gar nichts.

Powerfrau – Bauerfrau

Landwirtschaft und die Liebe zu den Tieren sind Patricia in die Wiege gelegt. Von klein auf ist Patricia mit ihrem Vater unterwegs, lernt alles über Landwirtschaft, Schafzucht, Kühe und Pferde. Mit 20 Jahren schickt er sie zum ersten Mal alleine Schafe bei einem Bauern kaufen. Dem handelt sie dermaßen das Weiße aus den Augen, dass der Papa daheim nur so schaut. Ihre Überstunden bei ihrem Job als Zuchtwartin und Klassifiziererin in Schlachthöfen baut sie ab, indem sie den Landwirtschaftsmeister macht, die Arbeit in der Landwirtschaft und ihre Funktion als Obfrau sind für Patricia gleichermaßen Freizeit und Ausgleich. Damit einen das Hamsterrad des Alltags nicht erschlägt, gibt sie jungen Kolleginnen und Kollgen den Tipp, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen.

Mein Vater, mein Arbeitskollege

In der Landwirtschaft sind Familie und Arbeitskollegen oft dieselben Personen. Auch wenn es Diskussionen und Streitpunkte gibt, muss man sich gezwungenermaßen zusammenraufen. Aus dem Weg gehen kann man sich nicht. Warum das zusammenschweißt und wie genau das noch stärker macht, erzählt uns Patricia im Podcast.

Vom Schafeschlachten und – essen: wie man Tierwohl schmeckt

Den ganzen Sommer dürfen Koflers Schafe auf der Alm verbringen, fressen das saftigste Gras und die besten Kräuter. Auf der Alm brauchen die Schafe viel länger Zeit, um Fleisch anzusetzen, als im Stall. Wie die Alm im Schaf schmeckt und warum sie sich den Aufwand antun, verrät uns Patricia im Gespräch.

Papa Walter ist seit über 35 Jahre Fleischhauer. Schlachtet und verarbeitet alle Tiere selbst. Ich durfte beim Schlachten dabei sein. Meine Anspannung war groß. Walter begegnet den Tieren mit dem größten Respekt. Jeder Handgriff sitzt. Zurück bleiben Ehrfurcht und ein gutes Gefühl. Hier wachsen die Tiere unter guten Bedingungen auf, werden professionell und respektvoll geschlachtet. Was übrig bleibt: 6 Euro pro Kilo Fleisch. Der Markt ist schwierig, weil Lammfleisch kaum mehr gegessen wird, weil wir nicht mehr wissen wie das Lamm zubereitet wird, meint Patricia. Wenn dann gibt´s das Lamm im Gasthaus und dann kommt´s aus Neuseeland oder Irland. Warum, weiß sich Patricia nicht zu erklären. Sie und ihr Vater verkaufen ihr Lammfleisch hauptsächlich an Stammkunden – oft arabische Familien: Die wissen noch wie man Schaf zubereitet. Diese Familien kaufen 100 mal regionaler als wir, weil sie das Tier und frische Produkte wertschätzen, meint sie.

Almrasenmäher, 30 Kilometer Zaun und emotionale Wolfsdiskussion

Damit wir Urlaub auf den Almen machen können werden Schafe gehalten – auch. Schafe haben eine Art zu grasen, mit der sie die Almen so erhalten, wie wir sie kennen: grüne Grasflächen auf denen sich Kuh, Pferd, Schaf und Mensch wohlfühlen. Würden die Almen nicht mehr mit einer Kombination aus diesen Tieren beweidet werden, würden sie zuwuchern, verbuschen wie der Profi-Bauer sagt. Wir könnten nicht mehr wandern, die Tiere hätten kein Futter mehr und könnten nicht mehr grasen. Außerdem steigt die Lawinen- und Murengefahr erheblich, da Schnee und Geröll wesentlich leichter über Büsche und langes Gras abrutschen.

Die Alm der Koflers ist gepachtet. Ohne Leidenschaft für Tier, Land und Natur geht gar nichts. Nur um die Schafe halbwegs in den 100 Hektar zu halten, also um zu verhindern, dass sie ständig ausbüchsen, stecken Patricia und Walter jedes Jahr circa 30 Kilometer Zaun. 30 Kilometer, die sie dann am Ende der Almsaison wieder abbauen, sonst würden ihn die Lawinen mitreißen.

Auf den Nachbaralmen hat in den vergangenen Wochen und Monaten ein Wolf unzählige Schafe gerissen. Viele Bäuerinnen und Bauern rundherum mussten deshalb die Entscheidung treffen die Tiere fünf Wochen früher als geplant von der Alm abzutreiben. Nun stehen sie bei 30 Grad in den Ställen im Tal. Die Wiesen im Tal sind eigentlich Winterfutter und werden erst gemäht. Die Bauern müssen Futter zukaufen während die Almwiesen mit dem besten Futter vertrocknen.

Warum das Alles?

Antwort: Leidenschaft für gesunde Tiere und Lebensmittel, für die Berge und die Alm, für die Landwirtschaft.

0 Kommentare

Verfasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

vielleicht auch interessant …

B2P013 Hermann & Thomas Neuburger – Sag niemals nie …

Wenn man die Mühlviertler vom Produkt überzeugen kann, dann muss es im Rest von Österreich auch klappen, scherzt Hermann Neuburger, sichtlich stolz auf seine Region und sein Produkt. Und betrachtet man dass, was er aus der elterlichen Fleischhauerei seit seinem Einstieg im Jahr 1977 gemacht hat, dann auch völlig zurecht.

Mit zunehmendem Erfolg überkam ihn aber auch immer mehr der Zweifel daran, ob er angesichts zunehmender Daten über ökologische, ökonomische und soziale Folgen eines immer höheren Fleischkonsums nicht langsam zum Mitverursacher dieser Entwicklung geworden war.

Und so begann er schließlich mehrere Entdeckungsreisen durch Asien, auf der Suche nach der perfekten Alternative zum Fleisch. Es folgten viele Jahre des Experimentieren, Jahre in denen nach und nach auch sein Sohn Thomas ins Unternehmen hineinwuchs.
Schlussendlich hat man dann den Kräuterseitling als idealen Fleischersatz ausgemacht und seither viel Zeit und sehr viel Geld in die eigene Zuchtanlage und eine passende Produktion investiert. Aus rein ökonomischer Sicht hätte man einfach die Produktion des „Neuburgers“ ausweiten und dort investieren sollen, meinen Vater und Sohn übereinstimmend. Der Markt ein noch groß, gerade Deutschland noch lange nicht erobert.

Langsam übergibt Vater Hermann sein Lebenswerk nun an seinen Sohn Thomas der nun vor allem die neue Marke „Hermann Fleischlos“ vorantreibt. Wobei an Rückzug denkt Hermann Neuburger noch lange nicht, wieso sollte er das tun, lacht er. Gefragt wie viel er denn pro Woche arbeitet, schaue ich in ein ratloses Gesicht. Er habe eigentlich noch nie die Stunden gezählt, keine Ahnung.

read more

0 Kommentare

Verfasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.