So a Kas – vom Gras ins Glas | Florian Lugger von INSRIGIS

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verfasst von Bianca Blasl

September 21, 2020

Heute ausnahmsweise mit Elektroauto bewaffnet, kurve ich die schmalen Straßen durchs Lesachtal. Verfahre mich 1 bis 5 mal und lande dann wohlbehütet bei Florian Lugger. Denn gerade bin ich am Peintnerhof in Niedergail (Obergail war aus -haha), wo es jeden Tag zum Frühstück die INSRIGIS Milchprodukte von Florian gibt. Weil ich ja grundsätzlich wissen will, wo unser Essen herkommt konnte die Investigativbäuerin in mir nicht ruhig schlafen, bis sie die Quelle aufgespürt hat. Florian steht vorm Stadl und grinst. „Und was willst du eigentlich ganz genau?“. Ich erkläre dem 27-jährigen Hofübernehmer, dass ich sehr auf gutes Essen stehe und wissen will, wo´s herkommt. „Tada – da bin ich.“ Na gut, sagts und führt mich ins Heustadl – die Tenne. Die Jugend in Kärnten, was soll man sagen.

Durch’s Reden kommen die Leut´ zam

Es riecht unheimlich gut nach Heu. Vor uns türmen sich Heuberge. Es ist laut. Was das denn ist, schreie ich Florian durch den Wirbel hindurch an. Die Heutrocknungsanlage. Aha. Florian hat 6 Milchkühe und 9 Hektar Grünland. Die Tiere sind im Sommer auf der Alm und den Weiden ums Haus – den Hutweiden. Für den Winter wird das Gras gemäht, getrocknet und die Kühe werden ausschließlich mit Heu gefüttert. Keine Silage (das Gras, das wie Sauerkraut mit Milchsäurebakterien für den Winter haltbar gemacht wird) Kein Kraftfutter. „Bei uns sollen die Kühe das fressen, was ein Wiederkäuer eben fressen soll: Gras und Heu.“ Während ich noch grüble wie viel Gras und Heu eine Kuh im Jahr frisst, gehen wir schon weiter.

Was ist eine Hutweide?

by Bianca Blasl (in Vertretung 🙂 | What the FAQ - Die BauertothePeople Wissensschnipsel

Richtig gesehen, das ist ein Exkurs:

 

Übers füttern von Milchkühen.

Wie viel eine Milchkuh frisst, hängt von der Milchleistung (also wie viel Milch eine Kuh pro Tag gibt), der Tiergröße, der Futterart und vielen weiteren Faktoren ab. Die Art, wie Florian seine Tiere füttert ist mit Abstand die arbeitsintensivste. Da die Kühe kein Kraftfutter wie Getreide, Soja et cetera bekommen, müssen sie ihre ganze Energie aus dem Gras und dem Heu nehmen. Entsprechend viel Gras müssen sie im Sommert auf der Weide fressen oder im Winter im Stall als Heu gefüttert bekommen. Im Sommer kann eine Kuh pro Tag zwischen 70 und 140 Kilogramm Gras fressen, im Winter sind es zwischen 15 und 20 Kilogramm Heu.

Alles da

Florian geht mit mir in den Stall. Von der Landwirtschaft soll man leben können. Das heißt auch essen können. Florian und seine Familie versorgen sich fast zu 100% selbst mit Lebensmitteln und Energie. Im Stall wohnen im Winter nicht nur die Kühe, sondern auch Schweine, die mit der Molke, die beim Käsemachen anfällt, gefüttert werden. Außerdem gibt es Hühner, die das Getreide fressen, das am eigenen kleinen Acker wächst. Daraus wird auch Brot gebacken. Eine Hofkatze gibt es auch. Für die Tierschützer unter euch: die wird nicht gegessen, die is(s)t für die Mäuse zuständig. Am Weg vorbei an Streuobst- und Gemüsegarten treffen wir Florians Mama am Erdäpfelacker.

Auf einer Wiese in der Nähe stehe Bienenstöcke. Das Warmwasser kommt von der Hackschnitzelheizung. UND: Die Familie Lugger betreibt ein eigenes kleines Wasserkraftwerk.

Versorgt sich und die Umgebung mit Öko-Strom. Wir fahren zur Turbine und zum Kraftwerk. Das meiste ist selbstgeplant und gebaut, erklärt Florian. Innerhalb von 15 Jahren soll sich der Bau des kleinen Kraftwerkes amortisiert haben und Geld einspielen.

 

Milchbubenrechnung

Und die Milch, und der Käse und die Butter, wo ist das alles? Florian führt mich ins Erdgeschoss des Wohnhauses. Zwei Zimmer. In einem Getreidemühle und Hartkäseexperiment – Florian übt sich zum ersten Mal in der hohen Kunst des Hartkäsemachens. Im zweiten Zimmer: der Milchverarbeitungsraum. Hier wird auf kleinem Raum die Milch von den 6 Kühen zu Butter, Mozzarella und Joghurt verarbeitet. In der Woche circa 300 Liter. Früher hat die Familie die Milch an eine Molkerei geliefert. Seit Florian den Betrieb mit 23 übernommen hat, verarbeitet und vermarktet er seine Milchprodukte unter dem Namen INSRIGIS. Insrigis ist ein Dialektwort und bedeutet Unseres, Eigenes, Selbstgemachtes. Er ist fast immer ausverkauft und setzt bei der Verpackung auf Mehrweggläser, die ihm seine Abnehmer wiederbringen.

 

Und alles was nicht mit der Landwirtschaft per se tun hat?

Menschen sind wir alle: Mir fällt es nicht leicht Florian die Frage zu stellen, wie es denn ist, allein am Betrieb als junger Mensch und die Eltern als Arbeitskollegen. „Natürlich gibt es auch oft Meinungsverschiedenheiten“, erklärt er. Schließlich haben die Eltern früher einiges anders gemacht. Doch am Ende des Tages halten sie zusammen. Florian sagt zwar, er hat genügend Freizeit, die er auch mit Freunden verbringt. Doch wenn ich mir so anhöre, wie viel er arbeitet, merke ich: Es hat wohl wirklich jeder einen anderen Zugang. „Schade ist, dass ich heim muss zum Melken, während die anderen noch sitzen bleiben“, gesteht Florian.

Tal der Männer

Angesprochen auf die Frauen erzählt mir Florian, dass die meisten jungen Frauen wegziehen. Um zu studieren oder wo anders zu arbeiten. Es gibt zwar Arbeit in der Fabrik oder im Tourismus. Aber das ist eben nicht für jeden und jede. Viele seiner Freunde haben den elterlichen Hof übernommen oder arbeiten in der Gegend. Ob die Frauen wiederkommen? Was weiß man.

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Wenn man die Mühlviertler vom Produkt überzeugen kann, dann muss es im Rest von Österreich auch klappen, scherzt Hermann Neuburger, sichtlich stolz auf seine Region und sein Produkt. Und betrachtet man dass, was er aus der elterlichen Fleischhauerei seit seinem Einstieg im Jahr 1977 gemacht hat, dann auch völlig zurecht.

Mit zunehmendem Erfolg überkam ihn aber auch immer mehr der Zweifel daran, ob er angesichts zunehmender Daten über ökologische, ökonomische und soziale Folgen eines immer höheren Fleischkonsums nicht langsam zum Mitverursacher dieser Entwicklung geworden war.

Und so begann er schließlich mehrere Entdeckungsreisen durch Asien, auf der Suche nach der perfekten Alternative zum Fleisch. Es folgten viele Jahre des Experimentieren, Jahre in denen nach und nach auch sein Sohn Thomas ins Unternehmen hineinwuchs.
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