Biodiversität und Mensch im Alpenraum

... von euch, Aufsatz von euch, Reportagen & Perspektiven

verfasst von Elisabeth Ertl

Jänner 4, 2021

In wenigen Worten

Als eines der großen Probleme der gegenwärtigen Zivilisation gilt der durch den Menschen verursachte Verlust an Biodiversität. Natur- und Umweltschützer drängen daher darauf, vermehrt Flächen außer Nutzung zu stellen und die Natur sich selbst zu überlassen, um bedrohten Tier- und Pflanzenarten Rückzugsräume zu Verfügung zu stellen. Auch im Tourismus ist die Nachfrage nach dem Aufenthalt in einer von Menschen möglichst wenig beeinflussten Natur gewachsen, besonders auch in den Alpen.

Der Öffentlichkeit wenig bewusst ist die Tatsache, dass jene Artenvielfalt, wie sie noch vor 200 Jahren in Mitteleuropa zu finden war, vom Menschen durch landwirtschaftliche und andere Aktivitäten erst geschaffen wurde. Um eine maximale Zahl an unterschiedlichen Tieren und Pflanzen zu garantieren genügt es nicht, bislang unberührte Regionen nicht zu stören, man braucht dafür auch eine Landwirtschaft, die Jahrhunderte alte Erfahrungen einbezieht, in Kombination mit eigens gepflegten Flächen für den Artenschutz.

 

Unsere österreichischen Almen sind in letzter Zeit in den Medien sehr präsent. Nicht nur zieht es immer mehr Städter im Sommer hinaus in diese urtümliche Landschaft. Oft geht es um Probleme mit Wolf und Bär, aber auch um die Konflikte zwischen den Bauern und jenen Touristen, die eine möglichst vom Menschen unbeeinflusste Natur suchen, welche ihnen als Inbegriff von Biodiversität gilt. Je nach Standpunkt werden Lösungsvorschläge kontrovers diskutiert.

Aber fangen wir ganz von vorne an:

Worin besteht der Einfluss des Menschen auf die alpine Natur und auf die Artenvielfalt überhaupt? Wann hat der Mensch begonnen, in die Natur einzugreifen?

 

Vor der Eiszeit

 

Der Biologe Prof. Werner Kunz von der Universität in Düsseldorf erklärt in einem eindrucksvollen Vortrag, warum man die Ökosysteme Mitteleuropas anders betrachten muss als etwa die Ökosysteme der Tropen.
Die tropischen Regenwälder haben sich in den letzten etwa 60 Millionen Jahren wenig verändert. Der Mensch trat dort in ein vorexistierendes Ökosystem ein und musste mit dessen eingespielten Besonderheiten zu Recht kommen.
Eine Jahrmillionen alte europäische Flora und Fauna aber wurde von der Eiszeit unwiederbringlich ausgelöscht. Vor etwa einer Million Jahren, also bereits lange vor dem Auftauchen der Neandertaler, konnten sich die Tiere und Pflanzen des Tertiärs (Zeit von vor 66 Millionen Jahren bis vor 2,6 Millionen Jahren) vor den heranrückenden Gletschern nicht in den wärmeren Süden in Sicherheit bringen, weil die Gebirgsbarriere der Pyrenäen, Alpen und Karpaten den Weg versperrte. Die Alpen und ihr unmittelbares Umfeld wurden zur Kältewüste.

Q: nachfolgendes Video | https://www.youtube.com/watch?v=w95uEJ0xriM

 

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

 

Wir Menschen kamen in der Eiszeit

 

Als unsere Homo-sapiens-Vorfahren vor etwa 40.000 Jahren in den Alpenraum, genauer gesagt, in die Mammutsteppe nördlich der Gebirge einwanderten, lagen die innersten Alpentäler 3000 Meter unter Eis. Man lebte als Jäger und Sammler, ernährte sich von Moschusochsen, Mammuts und Riesenhirschen und stand damit in Konkurrenz zum Säbelzahntiger und zum Leoparden.

 

Erst vor 13.000 Jahren etwa ging die Eiszeit in Anwesenheit unserer Vorfahren langsam zu Ende. Während hier die Gletscher schmolzen und den grandiosen glazialen Formenschatz des Hochgebirges freilegten, begann im Orient bereits der Ackerbau. Ob es die Erwärmung war, welche die Jagdtiere des Menschen am Alpenrand zum Aussterben brachte, oder ob Überjagung durch den Menschen dafür verantwortlich zu machen ist, das ist wissenschaftlich umstritten. Möglicherweise wären Mammut, Riesenhirsch und Säbelzahntiger ohne uns noch da, und die natürliche Vegetation der Alpen und ihrer Umgebung sähe heute ganz anders aus. Es wäre nicht der dichte Misch- und in höheren Lagen Nadelwald, der uns vertraut ist, sondern eine Art Feuchtsavanne, also Grasland mit vereinzelten Bäumen, zwischen denen die riesigen Säugetiere weiden.

Zunächst aber bekamen wir hier die nackten Felsen der Karmulden, Trogschultern und Dreiecksgipfel zu sehen und den Möränenschutt in den Trogtälern.

Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Landform#Glaziale_Formen

Wir wurden Zeugen zahlloser Felsstürze wegen der statischen Instabilität, die der Wegfall der riesigen Eismassen hinterließ. Nachdem diese Landschaft sich allmählich begrünt hatte, waren daher nur größere Höhen für uns ein sicherer Aufenthaltsort.

Dort siedelten sich zunächst Pflanzen und Tierean, die schon in der Eiszeit in der Nähe waren: Silberwurz und Aurikel, Murmeltier, Schneehase und Schneehuhn. Dazu kam nach und nach die charakteristische Alpenflora mit Borstgras oder lebendgebärendem Blaugras, Edelweiß, den Enzianen und Alpenrosen, den Glockenblumen und Steinbrecharten und all den übrigen Blumen, denen das UV – Licht zu besonders leuchtenden Farben verhilft.

 

Dazu kamen dann auch Tiere wie beispielsweise Alpensalamander, Alpendohle, Gämse und Steinbock.

Nachweise einer mittelsteinzeitlichen Besiedelung ab dem 9./8. Jahrtausend v. Chr. gibt es am Alpenrand in der Nähe des Bodensees und in Elsbethen bei Salzburg, aber auch innerhalb der Alpen auf Höhen um 2000 Meter bei Schwaz, am Tuxer Joch und in den Stubaier Alpen in Tirol, in der Schweiz im Muothatal und Simmental sowie in der Nähe von Zermatt, weiters auf der italienischen Seite des Splügenpasses und in den Dolomiten. Diese Menschen waren noch Jäger und Sammler.

Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtliche_Entwicklung_des_Alpenraums#Vorgeschichte_und_Altertum

Ökosysteme entstanden vor unseren Augen

 

Die Alpen bewaldeten sich am intensivsten im Atlantikum, einer Warmzeit zwischen 8.000 und 4.000 vor Christus. Damals waren die Gipfelregionen zeitweise ganz frei von Gletschern. Die hohen Temperaturen führten zur Ausbildung eines ziemlich mächtigen, tiefgründigen fruchtbaren Bodens auch in der heutigen Almenregion. Von diesen fruchtbaren Böden profitiert die Landwirtschaft teils immer noch. Solch ein Boden kann sich unter den jetzigen Bedingungen kaum noch im selben Ausmaß nachbilden, wenn er durch Zerstörung wie etwa den Bau von Schipisten aber auch durch Auflassung steiler Almweiden verloren geht. Ob der  gegenwärtige Klimawandel irgendwann die Bodenbildung wieder erleichtern wird, wissen wir noch nicht.

Wie Prof. Kunz erklärt, hatte es in der Eiszeit nur wenige dichte Wälder gegeben, und so sind auch nur relativ wenige der nach der Eiszeit eingewanderten Arten unseres Lebensraumes Bewohner dichter Wälder, wiewohl aber der Wald jene Landschaft wäre, welche sich bei uns ohne menschlichen Einfluss herausbilden würde. Waldtiere und Waldpflanzen sind die Minderheit in unserer mitteleuropäischen Landschaft. Die Waldbäume sind schnell aufgezählt: Tanne, Fichte. Lärche, Rotföhre; Schwarzföhre, Zirbe, Eibe; Rotbuche, Hainbuche, Winterlinde, Sommerlinde, Stieleiche, Traubeneiche, im Süden Zerreiche, Feldulme und Esche (mittlerweile durch Krankheiten vom Aussterben bedroht), Bergahorn, Spitzahorn, Hängebirke und Moorbirke, Zitterpappel, Schwarzpappel (gefährdet), Schwarzerle, Grauerle, Salweide, Silberweide, Elsbeere und Vogelkirsche. Dazu kommen als Unterwuchs verschiedene Pflanzen wie beispielsweise Farne und Moose, Leberblümchen, Zahnlilie und Sauerklee, Waldmeister, Preiselbeere etc.

Nur wenige Vögel und ganz wenige Tagfalter können in dichten Wäldern existieren, etwa der Schwarzstorch und die Spechte, dazu Tannenmeise, Sumpfmeise, Turteltaube, Eichelhäher, Kernbeißer, Pirol, Buchfink, Kleiber, Singdrossel, Erlenzeisig und Waldkauz. Zu den Waldtieren gehören außerdem Erdkröte, Siebenschläfer und Eichhörnchen, Rothirsch, Wildschwein, Baummarder, Fuchs, Wolf, Wildkatze und Luchs, wobei Erdkröte, Hirsch, Wildschwein, Fuchs und Wolf sich auch an andere Lebensräume anpassen können. Darüber hinaus gibt es charakteristischen Insekten, vor allem Waldameise, Nonnenspinner, Hirschkäfer, Borkenkäfer, Bockkäfer, Feuerkäfer, Wildbienenarten, Goldfliege, Schnake, Schlupfwespe, Holzwespe usw.
Mehrheitlich leben bei uns aber Organismen der lichten Baumbestände, der Waldränder und des Offenlandes, weil der Mensch den natürlichen dichten Wald schon seit der Jungsteinzeit zerstört. Die Arten, die dadurch einwandern konnten, kamen entweder aus den Warmsteppen des Ostens oder aus den lichten Wäldern des Mittelmeerraumes.

 

Wir waren von Anfang an Teil der Ökosysteme.

In der Jungsteinzeit ab 5600 v. Chr. existierte auf den Schuttkegeln in den Tälern der Hauptflüsse und in den Becken bereits Ackerbau. Düngung war noch unbekannt, es war ein Brandrodungs-Wanderhackbau, wie er noch bis vor kurzem in den tropischen Regenwäldern üblich war und dort teilweise auch noch ist. Holz brauchte man für Bauwerke, Bohlenwege durch die Moore und zum Heizen. So war die Beeinflussung der Ökosysteme trotz einer geringen Besiedlungsdichte erstaunlich groß. Ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. nutzte man das natürliche Grasland oberhalb der Waldgrenze für Viehzucht, v. a. mit Schafen. Von dort aus dehnte man das Weideland durch Brandrodung nach unten aus. Die Seitentäler selber waren damals noch nicht bewohnt.

Im 4. Jahrtausend v. Chr. wurde es kalt, kälter als heute. In dieser Zeit, in welcher auch Ötzi lebte, wurden die Alpen für unsere Vorfahren vor allem auch als Bergbauregion interessant. Die Mondseekultur mit ihren Pfahlbauten nutzte bereits das Kupfer aus Mitterberghütten am Hochkönig. Man brauchte Holz für die Sicherung der Stollen und Holzkohle zur Verhüttung der Erze. Das Vieh wurde nicht nur auf den Almen geweidet, sondern im Tal auch in die Wälder getrieben. So wurden die Bäume verbissen und zertreten, die Wälder lichteten sich.  Die Haustiere waren sehr urtümliche Rassen. Die Rinder hatten für den Menschen noch keine Milch übrig, die Schafe hatten noch ein grobes Haarkleid. Der Ackerbau kultivierte vor allem die sehr ertragsarmen Getreide Einkorn und Emmer.

Etwa um 2300 v. Chr. begann die Bronzezeit. Jetzt wurde die Besiedelung der Alpen dichter. Damals gab es Kupferabbau auch schon in Schwaz, in den Kitzbüheler Alpen und im Gebiet der Rax. Etwa um 1000 v. Chr. begann der Salzabbau in Hallstatt. Die Siedlungen der Hallstattzeit lassen schon auf eine Differenzierung der Gesellschaft in Bauern, Handwerker, Händler und Krieger schließen. Zu dieser Zeit hielt man bereits Pferde, mit denen die Händler Bernstein, Glas, Wein und sogar Elfenbein heranschafften. Die Rinder dienten bereits der Versorgung der Menschen mit Milch.

Q: http://www.anisa.at/Pucher%20Viehwirtschaft%20ANISA%20Internet%202010.pdf

 

Im Rodungsland der Täler, wo auch bereits Gerste und Dinkel angebaut wurde, und auf den Almweiden breiteten sich unsere Wiesenpflanzen aus und auch die tierischen Kulturfolger, die aus den östlichen Warmsteppen und den lichten Wäldern des Mittelmeerraumes einwanderten.

Träger der Latène-Kultur ab 450 v. Chr. waren die Kelten. Damals wurde es wieder wärmer.  Der Magdalensberg in Kärnten und der Kulm bei Weiz waren zentrale Orte dieser Kultur. Das norische Eisen von Hüttenberg in Kärnten war auch bei den Römern sehr begehrt.

Kurz vor der Zeitenwende wurden die Alpen ins Römische Reich integriert. Jetzt baute man befahrbare Straßen durch die Täler und auch über die Pässe: über den Brenner und den Seefelder Sattel, den Reschenpass und weiter über den Fernpass, über den Plöckenpass, den Katschberg und den Radstädter Tauern und über den Julierpass in der Schweiz.

 

Der Mensch als Landschaft gestaltende Kraft

 

Schon die Römer brachten Edelkastanie, Walnuss und Immergrün mit, welche sich in unsere Waldökosysteme einfügten. Mit dem Ackerbau verbreitete sich der aus Asien stammende Klatschmohn und wächst seither auch auf agrarisch ungenutzten Standorten. Auch Kornblume, Kornrade, Ackersenf und Kamille verdanken wir dem Ackerbau nebst den Kulturpflanzen, den Getreidesorten Roggen und Weizen und Edelobstsorten, Kraut und Rüben. Zwetschken vermehren sich jetzt auch ohne Zutun des Menschen.
Im westeuropäischen  Flachland rodeten die Römer sehr viel Holz. Sie brauchten es beispielweise für den Bau des Limes und zum Heizen der Thermenbäder und Wohnhäuser.

Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches kam es in den Westalpen zur Gründung von Klöstern in der Wildnis abgeschiedener Täler. Von dort aus wurde das Land urbar gemacht. In Westeuropa holte sich der Wald viel Land zurück, sodass Karl der Große die Grundherren davor warnte, allzu viel Ackerland an den Wald zu verlieren.

Schon im 7. Jahrhundert begann in den Alpen die Almwirtschaft im heutigen Sinn, die sommerliche Nutzung der Bergweiden vom Heimgut im Tal aus, und die Erzeugung von Käse als Konservierung der Milch. In den Ostalpen wurde die Land- und Almwirtschaft durch die Wirren der Völkerwanderung bis ins 9. Jahrhundert hinein unterbrochen. Dann begann auch dort eine großflächige Umgestaltung zur Kulturlandschaft, am intensivsten dann im Hochmittelalter. So entstanden die uns vertrauten waldarmen Talböden, die damals als Äcker genutzt wurden, die bewaldeten Schatthänge, aus denen man Bau- und Brennholz holte, die Wiesen- und Weideflächen an den Unterhängen der Sonnseiten, darüber der Bannwaldstreifen, der die Siedlungen im Tal vor Lawinen zu schützen hatte. Im Hochmittelalter wurden auch bereits Almflächen unterhalb der natürlichen Waldgrenze als Waldlichtungen gerodet. Die Biodiversität wuchs.

Auf den Mähwiesen und Weiden entwickelte sich erst jetzt jene Fülle an Wiesenpflanzen, die wir bis heute schätzen:

Im Juni kann man prächtige Blumenwiesen mähen beispielsweise mit Korbblütlern wie Bocksbart und Löwenzahn, Hornklee und Wundklee, echtem Labkraut, Hahnenfuß, Klappertopf, Goldnessel, den weißen Margariten und Gänseblümchen, Giersch und Wiesenkerbel, Vogelmiere und Hirtentäschel. Rot bis violett leuchten Gundelrebe, Rotklee, Kuckuckslichtnelke, Storchschnabel und Kreuzblume, blau Glockenblume, Vergissmeinnicht, Günsel und Ehrenpreis, bräunlich der Sauerampfer. Dazu kommen die Gräser:  Glatthafer, Kammgras, Knäuelgras, Weidelgras, Fuchsschwanz, Wiesenrispe und Wiesenschwingel etc.

Einiges ist ja im Mai schon verblüht: Wiesenschaumkraut und Schlüsselblume, Lungenkraut, Buschwindröschen, Scharbockskraut, Huflattich, Taubnessel, Veilchen, Ackerschachtelhalm und viele andere.

 

Im August kommen dazu Schafgarbe, Weißklee, wilde Karotte, wilder Kümmel, Bärenklau, weißes Labkraut, Spitzwegerich und Augentrost, gelb Johanniskraut, Odermennig, wilder Pastinak, Wiesenpippau, Blutwurz; violett Heilziest, Quendel, Wiesenflockenblume, Wiesensalbei, Käsepappel, Vogelwicke, Hasenklee; rot das Tausendgüldenkraut, blau die Wegwarte etc. 

An den Waldrändern und zwischen den Feldern fühlen sich die Sträucher wohl:
Schneeball, Kreuzdorn, Mehlbeere, Hasel, Holzapfel, Wildbirne, Grünerle, Schlehe, verschiedene Weidenarten, Feldahorn, Holunder, Hartriegel, Liguster. Dort brütet beispielsweise die Nachtigall.  

Auch viele Tiere, welche offene Landschaften brauchen, kamen mit den Pflanzen mit: Laubfrosch, Eidechsen, Blindschleiche, Sandviper, Kreuzotter, Äskulapnatter, Sperlinge, Schwanzmeise, Grünfink, Wiedehopf, Star, Kuckuck, Goldammer, Wacholderdrossel, Krähen, Schwalben, Schleiereule, Lerche, Kiebitz, Rebhuhn, Wachtel, Feldhase, Reh, Dachs, Fledermäuse und viele Käfer-,  Hautflügler- und Schmetterlingsarten. All diese Tiere würde es ohne Landwirtschaft bei uns nicht geben.

Nicht, dass höchstmögliche Biodiversität den damaligen Menschen ein ausdrückliches Anliegen gewesen wäre, sie hat sich einfach ergeben aus dem Bestreben, sich und die Seinen satt zu machen.

Die Almen waren Allmende, sie wurden von den Bauern eines Dorfes gemeinsam genutzt. In den Zentralalpen ist das vielerorts noch immer so.

Es war eine Blütezeit der alpinen Landwirtschaft. Züchterisch entstanden angepasste Nutztierrassen, z.B. Steinschaf, Blobe Ziege, Norikerpferd, Bergscheckenrind, Altsteirer Huhn und schwarzes Alpenschwein.

 

 

Für die Ernährung der wachsenden Bevölkerung erwies sich die Milchwirtschaft als effizienter gegenüber der Haltung von Fleischtieren, weil auf diese Weise aus der Flächeneinheit mehr Nahrungskalorien gewonnen werden können als bei der reinen Fleischproduktion. Milchwirtschaft ist in diesem für Ackerbau ungeeigneten, aber noch für Rinder nutzbaren ertragreichen Gelände die bestangepasste Landwirtschaftsform. Die höchstgelegenen kargen Regionen eignen sich mehr für die Fleischproduktion, zum Beispiel mit Schafen.  

 

Die Kulturlandschaft

 

Die Kleine Eiszeit ab dem 16. Jahrhundert schränkte die Nutzung der Hochalmen zunehmend ein. Aber noch bis ins 18. Jahrhundert hielt sich eine weitgehend autarke alpine Kultur. Die Kulturlandschaft des 18. Jahrhunderts war ein buntes Gemenge aus Getreidefeldern, welche allerdings nicht mehr jedes Jahr zur Reife kamen, Flachsanbau, später auch Kraut- Rüben- und Kartoffeläcker auf den kleinen flachen Talböden. Doch das Hauptnahrungsmittel war die Milch. Die talnahen Sonnhänge waren geprägt von einmal oder zweimal pro Jahr gemähten Wiesen mit ihren hölzernen Heu-Trocknungsgestellen („Heuharpfen“). Hoch oben in einem Gelände mit hoher Absturzgefahr lagen die nur alle 2 Jahre oft mit Hilfe von Steigeisen gemähten und mit Tragegestellen beernteten Bergmähder mit den Heuschobern, von denen im Winter mit riskanten Schlittenfahrten das Heu geholt werden musste. Gleich oberhalb des sorgfältig geplenterten (nur Einzelstämme werden entnommen, es erfolgen keine Kahlschläge und Wiederaufforstungen) Bannwaldes über den Dauersiedlungen oder in den Waldlichtungen lagen die hofnahen Niederalmen, wo das Vieh im Mai und wieder im Frühherbst weidete und vom Heimgut aus betreut wurde, und wo nicht überall ein Stall vorhanden war. Die Asten verfügten über Ställe, wo das Vieh im Spätherbst nach der Alpung das Heu aufbrauchte, ehe es zu Weihnachten ins Heimgut zurückkehrte. Weiter oben lag das Rodungsland der geselligen Mittelalmen mit den geräumigen Hütten, wo das bunte Sommervölkchen der Almputzer, Hirten, Melker und Senner zusammen saß am offenen Herd mit seinem Käsekessel, eine beliebte Einkehr der Jäger, die sich Gämsen, Steinböcke, Hirsche, Murmeltiere, Schneehasen und -hühner holten und Wölfe, Luchse und Adler von den Weidetieren fernhielten. Auch dort wurde ein flaches Wiesenstück abgezäunt, gedüngt und geheut, um für allfälligen sommerlichen Schneefall gerüstet zu sein. Ganz oben jenseits der Baumgrenze liegen die nur im Hochsommer nutzbaren Hochalmen – teils heute noch Allmende – mit kleinen spartanischen steinernen Hirtenhütten und Viehpferchen aus Lesesteinen, wo lokal auch Weiderechte entfernter Täler existierten, und wo noch in jüngster Vergangenheit Viehtrieb teils über die Gletscher stattfand. 

Wirtschaftswälder mit ihren Holzriesen an den unbesiedelten Schatthängen belieferten u. a. auch die Hüttenwerke und Salinen. 

 

 

Die Heimhöfe bestanden meist aus gemauertem Erd- und hölzernem Obergeschoß mit luftigen Balkonen zum Trocknen von Kräutern, und sie hatten flache Dächer aus steinbeschwerten Lärchenschindeln, die man aus gedrehten Stämmen heraushackte, sodass sich die Dachhaut je nach Luftfeuchtigkeit öffnete und verschloss und dem Lagergut darunter ein optimales Klima bot.

Von Landwirtschaft allein leben konnte man in diesem schwierigen Gelände kaum. Man betrieb daneben zum Wohl seiner Mitmenschen ein spezialisiertes Handwerk als Schmied, Gerber, Schuster, Spinner, Weber, Schneider, Federkielsticker, Besenbinder, Korbflechter, Töpfer, Tischler, Zimmermann, Kunstschnitzer, Fassbinder, Köhler oder Pecher. Zusätzliches Einkommen boten Bergwerke, Glasbläsereien, das metallverarbeitende Gewerbe, Lodenwalkereien und Instrumentenbau; und schließlich die kundigen Saumdienste über die Pässe mit den säbelbeinigen Gebirgspferden und Maultieren, welche das Handelsgut (Salz, Wein, Gewürze) von einem Basislager im Talschluss, dem „Spital“, zu jenem jenseits der Gebirgskette trugen. Einige dieser Wege sind mit Steinplatten ausgelegt und tragen heute noch die Spuren von Ochsenkarren.
 

Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Saumtier
Q: Franz Zwittkovits: „Die Almen Österreichs“, Selbstverlag Zillingsdorf 1974

An markanten Plätzen stehen die getauften heidnischen Heiligtümer, Kirchen unterschiedlichster Epochen von Romanik bis Barock, wo sich fernab des Weltklerus so mancher animistische Brauch hielt: ein Widderkult in Osttirol oder ein lokaler Heiliger in Heiligenblut am Großglockner, Briccius, von dem der Papst nichts wissen durfte. Die Votivbilder der Wallfahrtskirchen erzählen von schlimmen Krankheiten, fürchterlichen Unfällen, Naturkatastrophen, Feuersbrünsten und Hungersnöten. Darüber thront auf Wolken die Himmelmutter mit dem Jesuskind, darunter das Spruchband: „Maria hat geholfen!“  Die Lieder und Sagen handeln von guten und bösen Almgeistern, brüllenden Wasserfällen oder vom Geliebten, dem der überraschende Wintereinbruch den Weg über den Tauern versperrt hat.

Imposante Burgen und Schlösser auf ihren Anhöhen täuschen darüber hinweg, dass die Leibeigenschaft in Gebirgsregionen nicht immer so einfach durchzusetzen war wie anderswo: wer regelmäßig ein halbes Jahr lang eingeschneit auf einem hochgelegenen Hof zu überdauern weiß, der lernt eigenverantwortlich zu handeln. Umso stärker ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit wie im „Heiligen Land Tirol“. Im Kriegsfall beteiligten sich Frauen und Kinder am Zurückdrängen der Feinde, indem sie Steinlawinen auf sie niedergehen ließen. 

 

Neophyten und Neozoen

 

Jene Pflanzen, die sich bis zum Ende des Mittelalters bei uns angesiedelt haben, nennt man Archäophyten. Was seit der Entdeckung Amerikas mitgebracht wurde, wird Neophyt bzw. im tierischen Bereich Neozoon genannt.

Etwa 1300 solcher Pflanzen wurden bisher in der Natur entdeckt, die meisten davon fanden aber keine nachhaltig passenden Lebensbedingungen vor und verschwanden wieder.

In der Barockzeit pflanzte man gerne exotische Blumen in Gärten, und einige davon wurden Teil unserer natürlichen Flora: Schneeglöckchen, Narzisse, Krokus, Märzenbecher, Herbstzeitlose und nickender Milchstern. Diese Pflanzen wandern nur langsam weiter. Wo man sie findet, dort in der Nähe war irgendwann einmal ein Garten.

Etwa ein Zehntel der etablierten Neophyten macht uns Probleme, weil sie sich als Unkraut zu stark ausbreiten, andere Arten verdrängen und die Biodiversität gefährden: Eschenahorn, Götterbaum, Kanada-Pappel, Robinie, Amaranth, Kanadische Wasserpest, Kanadische Goldrute, Riesengoldrute, Topinambur,  drüsiges und kleines Springkraut, Japan-Staudenknöterich, Ragweed und Riesenbärenklau. 

Viele aber stören das Gefüge der Ökosysteme nicht wie das kanadische Berufkraut, die japanische Weinbeere, aufrechter Sauerklee und Hornsauerklee. Auf Mülldeponien und Schuttplätzen entstehen gegenwärtig aus einer ganzen Fülle von unproblematischen Neophyten völlig neue Ökosysteme. Manche Neophyten kreuzen sich mit heimischen Pflanzen und entwickeln sich zu völlig neuen Arten weiter. Das gilt beispielsweise auch für das drüsige Weidenröschen. Die Evolution bleibt nicht stehen – ob mit oder ohne unseren Einfluss.

Bekannt unter den Neozoen sind ebensfalls vor allem die invasiven Arten, welche heimische Tiere verdrängen: spanische Wegschnecke, asiatischer Marienkäfer, Regenbogenforelle, Ochsenfrosch, Nilgans, Waschbär, Bisamratte, Nutria und Mink. Der Goldschakal ist eine Bedrohung für die Weidewirtschaft. Der Mufflon, die Stammform des Hausschafes, war einst in felsigen Regionen ganz Europas verbreitet, kam aber im 19. Jahrhundert nur noch auf Korsika vor. Um ihn vor dem Aussterben zu bewahren, wurde er nach der Ausrottung des Wolfes bei uns erfolgreich eingebürgert.

Unproblematisch ist auch die Ausbreitung von Bachsaibling, Katzenwels, Zwergwels, Guppy, Halsbandsittich und vielen anderen.

Ökosysteme sind nicht statisch, sie entwickeln sich fortwährend weiter. Das Leben wird sich auch der menschlichen Fähigkeiten zur Genmanipulation bedienen. Es wird neue Wesen hervorbringen, teils zur Freude des Menschen, teils zu seinem Schaden, so wie es immer war. 

Q: https://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/publikationen/DP089.pdf

 

Das Maximum der Artenvielfalt

 

Die höchste Biodiversität war in unserer Gegend etwa vor 150 bis 200 Jahren erreicht, wie Werner Kunz ausführt. Sie basierte eigentlich bereits auf einer Übernutzung der Landschaft, weil die Bevölkerungszahl zu Ende des 18. Jahrhunderts stark angestiegen war. Man betrieb eine ausbeuterische, aber extensive Landwirtschaft, welche jene kargen Böden erzeugte, die für eine Fülle von Organismen erst einen Lebensraum schufen.

Die Zeit um 1800 gilt heute als Referenzzeitpunkt sowohl für die Beobachtung der Biodiversitätsentwicklung als auch für die Beobachtung der Klimaentwicklung.

Danach ging es mit der Artenvielfalt wieder abwärts. Aber, wie Werner Kunz betont „der Mythos von der unberührten Natur bringt uns die Arten nicht zurück. Wir können die Natur … nicht sich selbst überlassen. Der Artenschutz muss sich von vielen Vorstellungen befreien, die in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts einen ethischen oder auch gesetzlichen Rang erreicht haben. Um bedrohte Arten zu erhalten, helfen Begriffe wie ,unberührte Natur`, ´Natur Natur sein lassen` oder ,gesundes Ökosystem` wenig. ,Unberührte  Natur` ist … kein Schutz für die meisten gefährdeten Arten …. Man sollte einmal darüber nachdenken, ob der Wunsch nach  ,Urwald` und ,ursprünglicher Natur` nicht eher ein anthropozentrischer Wunsch ist …

Die Wirklichkeit des Artenschwundes hat die Ideologie von der unberührten Natur des vorigen Jahrhunderts überholt … Stattdessen müssen die Leitarten den Qualitätszustand eines Habitats definieren … Jahrtausendelang war die Landwirtschaft die Basis des mitteleuropäischen Artenreichtums. Die Landwirtschaft war es, die die Landschaft von Vergrasung, Verbuschung und Verwaldung frei hielt. Jahrtausendelang zog die Landwirtschaft aus dem Boden mehr Stickstoff heraus, als sie ihm durch Düngung wieder hinzuführte.

Q: https://www.youtube.com/watch?v=w95uEJ0xriM  (ab Minute 27)

Brauchen wir heute noch alle Organismen der traditionellen Kulturlandschaft?

Diese Frage wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert.

Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Biodiversit%C3%A4t#Biodiversit%C3%A4t_und_Funktionalit%C3%A4t_von_%C3%96kosystemen

 

Hier soll diese Frage aus traditioneller bäuerlicher Sicht beantwortet werden. Da hat man immer unterschieden zwischen nützlichen und schädlichen bzw. in dieser Hinsicht neutralen Organismen. Ich möchte diese Sichtweise illustrieren anhand der Vögel in einer traditionell bewirtschafteten südoststeirischen Hügellandschaft.

Als nützlich gelten folgende Vögel:

– Schwalben fressen in den Ställen die Fliegen.

– Rotschwanz, Braunkehlchen und Zaunkönig suchen den Boden nach schädlichen Insekten ab.

– Der Wiedehopf kann auch größere Insekten wie die schädlichen Maulwurfsgrillen und Engerlinge erbeuten.

– Die Bachstelze sucht den Tierkot nach Parasiten ab.

– Nachtigall, Rotkehlchen, Braunelle und Gartengrasmücke halten Schadinsekten auf Pflanzen in Schach.

– Blaumeise, Sumpfmeise  und die Schwanzmeisenarten fressen mit Vorliebe Läuse.

– Die Kohlmeise ist ein Allesfresser, der auch Aas vertilgt.

– Baumläufer, Kleiber und die Spechte (Buntspecht, Grünspecht und Schwarzspecht) halten besonders Bäume von Schädlingen frei.

– Der Baumpieper vertilgt die Raupen des Eichenspinners, aber auch Heuschrecken.

– Der Erlenzeisig ernährt seine Küken mit Blattläusen im Wald.

– Beerensamen, die vom Rotkehlchen gefressen werden, behalten dabei ihre Keimfähigkeit.

– Die Mönchsgrasmücke verbreitet die Samen der heilkräftigen Mistel.

– Der Stieglitz frisst mit Vorliebe die Samen von Unkraut wie Disteln und Ampfer, der Girlitz jene von Löwenzahn, Vogelmiere und Knöterich.

– Der Weißstorch frisst tagsüber Mäuse und Aas.

– In der Nacht lösen ihn dabei Steinkauz, Waldkauz und Schleiereule ab.

– Tagsüber jagen außerdem Mäusebussard, Wanderfalke und Turmfalke.

 

 

Die hiermit aufgezählten Tiere sind aber nicht die einzigen, die ein Landwirt niemals absichtlich töten oder vertreiben würde. Es kommen dazu noch andere Vögel, die weder besonders nützlich noch besonders schädlich sind, die aber mit ihrer bunten Schönheit und ihrem Gesang das Herz erfreuen:

Buchfink, Grünfink, Bergfink, Kernbeißer, Feldsperling, Baumläufer, Amsel, Singdrossel, Wacholderdrossel, Pirol und Goldammer.

40 Vogelarten sind somit nützlich oder neutral. Doch es gibt eben auch Vogelarten, die der Landwirtschaft Probleme bereiten. Deren Zahl ist mit 7 Arten weitaus geringer. Keine dieser Arten würden man systematisch ausrotten wollen, aber jene Individuen, welche landwirtschaftliches Tun schwer machen bis verunmöglichen, die möchte ein Landwirt genauso eliminieren dürfen, wie Kammerjäger in den Städten beispielsweise Tauben sterilisieren, die ansonsten nicht einmal mehr von Wander- und Turmfalken in Schach gehalten werden könnten. In der Kulturlandschaft gibt es eben kein natürliches ökologisches Gleichgewicht, da muss auch der Mensch seine begrenzende Rolle spielen.

Der Habicht tötet nicht nur freilaufendes Geflügel, sondern auch viele nützliche Vögel. Das Verschwinden der Rebhühner und auch beispielsweise jenes des Feldhamsters gehen teilweise auch auf das Konto dieses streng geschützten Vogels.

Der kleinere Sperber ist auf die teils sehr nützlichen Singvögel spezialisiert und wurde aus diesem Grund schon immer jagdlich in Grenzen gehalten. Er war eine Zeit lang selber durch Pestizide wie DDT und Dieldrin bedroht und wurde daher in den 1970er Jahren unter Schutz gestellt. Seit diese Gifte verboten sind, erholen sich die Bestände aber wieder und bedrohen neuerlich andere Arten. Trotzdem halten die Naturschutzverbände am einmal ausgesprochenen Schutz fest.

Ähnliches wie für den Sperber gilt auch für die Elster.

Stare fressen Obst, vor allem Weintrauben. Man muss sie wirkungsvoll vertreiben können.

Der Eichelhäherbestand muss in Grenzen gehalten werden, wenn er sich zu sehr auf Getreide und Obst spezialisiert. Im Wald ist er erwünscht, weil er Baumsamen vergräbt und so die Verjüngung des Waldes fördert.

Kolkraben und Krähen sind dafür bekannt, dass sie anderen Lebewesen die Augen aushacken. Sie tun das beispielsweise bei Lämmern, die auf der Weide geboren werden. Viele Schafrassen sind asaisonal, das heißt, es werden das ganze Jahr über Lämmer geboren. Und dann hat man mit diesen Vögeln keine Freude. Sie hacken außerdem die Plastikhüllen von Siloballen auf.

Grundsätzlich lassen sich Tierarten durch Bejagung scheu machen. Sie meiden dann all jene Gebiete, wo sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. So lange sie diesbezügliche Rückzugsräume haben, werden sie deshalb nicht ausgerottet.
Kann ein Land wie Österreich, welches bald 9 Millionen Menschen landwirtschaftlich zu versorgen hat, seine Artenschutzpolitik dauerhaft in erster Linie an den Wünschen der landwirtschaftsfernen Bevölkerungsmehrheit ausrichten?

 

Der beginnende Niedergang der alpinen Kulturlandschaft

 

Die Industrialisierung, welche das Handwerk vernichtete, und vor allem die – auch vom katholischen Klerus forcierte – Überbevölkerung führten zum allmählichen Niedergang der alpinen Kultur. Verschärfend wirkte die Klimaverschlechterung Mitte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit verkarsteten viele Almen in den nördlichen Kalkalpen, der Boden aus dem Atlantikum erodierte, das Weideland ging unwiederbringlich verloren.
Im 19. Jahrhundert zogen die „Schwabenkinder“, die in den engen Tälern Tirols von ihren Eltern nicht mehr ernährt werden konnten, im Sommer als Arbeitskräfte nach Norden. Begleitet wurden sie oft von jenen Geistlichen, die ihre Mütter zuvor im Beichtstuhl zur Erfüllung der „ehelichen Pflicht“ ermahnt hatten.

Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwabenkinder

 

Die Kohle musste als Energielieferantin den bereits bedrohlich übernutzten Wald ablösen, ohne welchen diese Landschaften unbewohnbar geworden wären.

Die Errichtung der Eisenbahnen verstärkte die durch den Klimawandel bedingte Extensivierung der Landwirtschaft. Aus Äckern wurden Wiesen und aus Wiesen Weiden, denn man tauschte jetzt Zugochsen und robustes Zuchtvieh gegen Getreide aus dem Flachland. Die hohe Nachfrage nach diesen Tieren führte zu einer Übernutzung der Flächen, man trieb das Vieh oft in steile Waldhänge hinein zum Grasen, es kam kein Jungwuchs mehr hoch, viele dieser Steilhänge wurden zu Weiden, wofür sie sich aber ökologisch schlecht eignen.

Der Alpinismus der Adeligen und Großbürger schuf die Grundlage der heutigen Haupteinnahmequelle, des Tourismus. Man erschloss die bislang nicht begangenen, weil landwirtschaftlich nicht nutzbaren Hochlagen der Fels- und Eisregionen durch den Bau von Berghütten, die mit Hilfe von Tragtieren mit Lebensmitteln und Heizmaterial versorgt wurden und zu Ausgangspunkten für Erstbesteigungen der Gipfel wurden.

 

Der Bedeutungsverlust der Landwirtschaft

 

Die heutige Bevölkerung der Alpen könnte sich in dieser kargen Landschaft auch mittels noch so intensiv betriebener Landwirtschaft nicht mehr selbst mit Lebensmitteln versorgen. Nach dem 2. Weltkrieg mussten aufwändige Hochlagenaufforstungen auf den alten Waldweideflächen und den übernutzten Bannwäldern, Wildbach- und Lawinenverbauung, technisch meisterhafte Straßenbauten und Seilbahnen die Alpen bewohnbar halten. Die wirtschaftliche Bedeutung des Raumes verlagerte sich zu den vielen Wasserkraftwerke neben der Industrie in den Haupttälern, und zur wachsende Attraktivität dieser Region für den Tourismus. Dieser heute unverzichtbare Wirtschaftszweig fußt nicht nur auf der spektakulären kontrastreichen Dreidimensionalität der Landschaft, auf Winter- und Sommersportmöglichkeiten und Kulturangeboten, sondern teils immer noch auf den Resten der alten vorindustriellen Kulturlandschaft.

Nach der Hungererfahrung des 2. Weltkrieges sorgte die Mechanisierung und Rationalisierung der Landwirtschaft vor allem in den Niederungen nicht nur für eine verlässliche Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, sondern auch für sinkende Preise, wodurch den Menschen Geld blieb für den Aufbau eines schließlich beträchtlichen Wohlstandes. Die arbeitsaufwändige alpine Landwirtschaft konnte vor diesem Hintergrund nur mit massiven staatlichen Förderungen aufrecht erhalten werden.

Auf den Almen herrschte nach 1945 zunehmender Personalmangel. Die Pflege der Flächen wurde vernachlässigt: das Schwenden von Sträuchern und Jungbäumen, die nicht nur den Weideertrag schmälern, sondern auch von Lawinen ausgerissen werden können und dann kahle Stellen hinterlassen, das mehrmalige Mähen des Weideunkrauts, das Auflesen von Steinen, die im Winter durch Lawinen oder Frostsprengung auf die Weideflächen stürzen, und deren Aufschichtung zu Mauern für Viehpferche, die Wiederanbringung der durch Lawinen oder Viehtritt abgerutschten Rasenziegel, die Heublumensaat auf verwundeter Vegetation, manchmal auch Bewässerung. Dadurch verkleinerten sich die als Futterflächen geeigneten Bereiche immer mehr. Man konnte keine Hirten mehr bezahlen, um die Flächen gleichmäßig zu bestoßen, das Vieh übernutzte manche  Teilflächen und erzeugte dort Trittschäden an der Grasnarbe, andere Flächen wurden zu wenig abgefressen und verbuschten oder wurden von Lawinen geschädigt.

Einzelne Initiativen wirken dem nun entgegen. Am Hauser Kaibling in der Steiermark werden große Schafherden wieder behirtet. Besucher helfen mit, die Flächen zu pflegen. 

Q: https://www.hauser-kaibling.at/de/mein-berg/sommer/almlammprojekt/schafsinn

 

Auch junge Menschen, motiviert durch die Bewegung „Fridays For Future“, leisten jetzt freiwillige Dienste für die Erhaltung der Almen.

 

Wenige Jahre nach dem EU-Beitritt Österreichs begann der Milchpreis zu sinken, die Bauern mussten rationalisieren. Viele Almen sind jetzt durch Fahrstraßen erschlossen, man hat anfangs mit Melkmaschinen gearbeitet und die Milch ins Tal gebracht. Teilweise hielt man große Herden Jungvieh. Mittlerweile rentiert sich auch das nicht mehr. Auf den meisten Almen unterhalb der Waldgrenze findet heute Mutterkuhhaltung statt. Nur noch auf sehr wenigen Almen wird gesennt. Auf den Hochalmen haben in den letzten Jahrzehnten die Schafe und Ziegen die Jungrinder abgelöst, weil die Inlandsnachfrage nach Schaffleisch nicht gedeckt werden konnte, und die Preise relativ gut waren. Mittlerweile kommt auch diese Nutzung durch Billigkonkurrenz aus Neuseeland und durch den wiederkehrenden Wolf unter Druck. Das ist besonders problematisch, weil in der Folge unsere Weideflächen veröden, während in Neuseeland der Überbesatz die dortige einzigartige Natur zerstört.

In den Gunstlagen im Tal wird intensiviert. Wiesen, die regelmäßig neu eingesät und gedüngt werden, liefern ein Vielfaches an Ertrag gegenüber Naturwiesen. Dass die Intensivierung der Landwirtschaft auch dem Artenschutz dienen kann, legt Peter Breunig im folgenden Artikel dar: je mehr Ertrag angesichts der wachsenden zu ernährenden Bevölkerung auf den Landwirtschaftsflächen erzielt wird, umso mehr Fläche kann entbehrt werden als Rückzugsraum für bedrohte Arten. 

Q:  https://progressive-agrarwende.org/dicke-kartoffeln-fuer-unseren-planeten/

Die Eutrophierung der Landschaft

 

Generell aber drängt heute die Intensivlandwirtschaft die Artenvielfalt sehr wohl zurück. Als dafür verantwortlich betrachtet Prof. Werner Kunz in seinem Vortrag nicht primär die Pestizide, welche zweifellos noch immer eine Rolle spielen, auch wenn die angewendeten Mittel immer ärmer an Nebenwirkungen werden. Mehr noch verursacht die hohe Stickstoffdüngung den Artenverlust.

Werner Kunz: „Und dann kam die große Wende nach dem Krieg, die Düngung. Jetzt auf einmal wurde dem Boden mehr Stickstoff hinzu geführt als wieder aus ihm heraus gezogen … Der Stickstoff aus Landwirtschaft und Industrie regnet auch in die abgelegenen Flächen durch die Luft herab. Die Eutrophierung (Anmerkung: Überlastung mit Nährstoffen) unserer Landschaft hat ein erschreckendes Ausmaß erreicht … Viele Insektenarten, Vogelarten und ein Großteil der Pflanzenarten Mitteleuropas (z.B. alle Orchideen) sind auf Nährstoffmangelstandorte angewiesen.“

Auf reich bewachsenen intensiv gedüngten Wiesen sehen viele Vögel nicht auf den Boden und können keine Nahrung mehr finden. Der Schwalbenschwanz kann keine Eier mehr ablegen. Schmetterlingsraupen brauchen einen warmen besonnten Boden.

(Anmerkung: Der Stickstoffdünger erscheint in den Alpen auch noch in anderer Form: Die Almweiden beispielsweise dienen auf weiten Flächen auch dem Wintersport. Bis vor 20 Jahren haben die Schikanten oft viel von dem wertvollen hochalpinen Boden ruiniert. Dies bessert sich, seit man die Pisten künstlich beschneit und die Schneedecke mächtig hält. Um das vorzeitige Abschmelzen zu verhindern, verwendet man „Schneezement“, der nichts anderes ist als künstlicher Stickstoffdünger (Ammoniumnitrat) Das steigert im Sommer in vielen Fällen den Weideertrag, allerdings auf Kosten der Biodiversität.)

Werner Kunz: „Was sehr zu denken gibt, ist die Tatsache, dass der Artenschwund auch vor den Naturschutzgebieten nicht halt macht … Ist das wirklich die richtige Politik, die aussterbenden Arten zu erhalten? … Es sollte auch zu denken geben, dass das Artensterben weitergeht, obwohl wir seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts eine umfangreiche Naturschutz-Gesetzgebung haben.“

Weil das Fangen von geschützten Tieren verboten ist, haben Kinder keinen Bezug mehr zur Natur, kennen und vermissen die Arten auch nicht. Und die entomologischen Gesellschaften (Anmerkung: die Insektenforscher) sind überaltert mit einem Durchschnittsalter von über 60 Jahren. Die Arten sterben, weil die Habitate (Lebensräume) verschwunden sind.

„Eine Hauptursache des Artenschwundes ist die natürliche Sukzession. (Anmerkung: die natürlich Rückkehr der für einen Standort typischen Pflanzen-  und Tiergesellschaften, in Mitteleuropa also der Wald) Also muss der Artenschutz an vielen Stellen gegen die Natur ankämpfen … Spärlich bewachsene Böden, Heideflächen, Abbruchkanten und nackten Fels erreicht man (Anmerkung: in den Niederungen) nicht dadurch, dass man Flächen unter Schutz stellt. Die wachsen spätestens in 10 Jahren sowieso zu. Es fällt auf, dass es oft ganz andere Gebiete als „Natur-nahe“ Gebiete sind, in denen selten gewordene Arten ihr Refugium finden.“ (Fotos: Anschnittfläche einer neu errichteten Bergstraße mit vielen Bläulingsfaltern; stillgelegte Gleisanlage mit Wendehals; aufgelassenes Industriegelände mit vielen Rebhühnern) 

Q: https://www.youtube.com/watch?v=w95uEJ0xriM

 

Der gesellschaftliche Mainstream

 

Neben dem Wintersport nimmt jetzt auch der Sommertourismus in den Alpen kontinuierlich zu. Viele Wanderer und Bergsteiger suchen heute eine möglichst wenig vom Menschen beeinflusste Natur, eine „Wildnis“. So kommt es zu Konflikten zwischen Landwirtschaft und Tourismus, wodurch eine Landwirtschaft unter den Prämissen des Neoliberalismus in diesen Höhen mit Sicherheit keine Zukunftschance hat. Andererseits kann auch die derzeitige touristische Wildnis-Mode keine Zukunft haben. Welche Vorstellungen sind da im Spiel?

 

 a) Die Alm als „Nutztier-Gulag“

 

Das sich generell verschlechternde Image der Nutztierhaltung und die schlechte Vereinbarkeit der Weidewirtschaft mit dem wiederkehrenden Wolf führen nun bereits zur Infragestellung der Almwirtschaft überhaupt. So zitiert der Tierschützer Martin Balluch auf seiner Webseite aus einem Buch von Klaus Hackländer über den Wolf und schreibt: „ … Dann aber brechen die Autor_innen endlich mit dem Tabu, dass jede Alm um jeden Preis erhalten werden muss. Viele Almen seien übernutzt und überdüngt, sodass eine Wiederbewaldung die deutlich bessere Option wäre. Nicht zuletzt, füge ich hinzu, weil der Wald der Atmosphäre CO2 entzieht und damit die Klimakrise entschärft. In dieselbe Kerbe schlägt eine in einem weiteren Artikel präsentierte Studie über die touristische Nutzung von Almen. Lediglich 10,6 % der Befragten bevorzugen menschlich geprägte Natur und lehnen den Wolf rigoros ab. Dem Rest wäre eine Wiederbewaldung von Almen sogar lieber. Die Menschen mögen mehrheitlich Landschaften mit 60-80 % Waldbedeckung und sehen die Präsenz von Wölfen nicht negativ.” 

Q: https://martinballuch.com/der-wolf-ein-neues-buch-vonseiten-der-oesterreichischen-jaegerschaft/

 

Dem ist entgegen zu halten: Auch Weidepflanzen entziehen der Atmosphäre CO². Und eine „Wieder“- Bewaldung wäre nach dem Rückzug des Menschen nicht überall zu erwarten, teilweise käme es ohne Almbewirtschaftung zur Desertifikation, zur Wüstenbildung. Landwirtschaft muss eine wachsende Zahl an Menschen ernähren, wobei Almen sich nicht für Ackerbau, sondern ausschließlich für Viehzucht eignen. Weidetiere produzieren deutlich weniger schädliches Methan als solche, die im Stall und mit Kraftfutter versorgt werden. Das spricht sehr dafür, die Almwirtschaft zu erhalten. Grob geschätzt erzeugen die österreichischen Almen, welche ein Drittel der Agrarfläche ausmachen, Nahrungskalorien für etwa 200.000 bis 300.000 Menschen, die nach einem Wegfall der Almwirtschaft durch Intensivierung der Landwirtschaft anderswo ernährt werden müssten.

Zudem ist gerade der Wald ein Ort verhältnismäßig geringer Biodiversität. Zudem sind Wälder in diesen Höhenlagen auch für eine nachhaltige Energieversorgung nicht nutzbar. Was Touristen zudem übersehen: auch ihre eigene Aktivität übt einen erheblichen Einfluss auf die Natur aus und lässt sie gerade nicht „unberührt“.

 

b) die Alm als Pseudo-Natur

 

Ein weiterer Kritiker der gegenwärtigen Almwirtschaft ist der populäre Wolfsschützer Prof. Kurt Kotrschal. In seinem wöchentlichen Wolfsblog der Zeitung „Heute“ schrieb er im Sommer 2019: “Die Alm ist auch ohne Wolf kein heiler Ort mehr. Almen können Horte der Artenvielfalt sein, müssen sie aber nicht. Zu viele auf leicht erreichbare Almen aufgetriebene Tiere ruinieren viel durch ihren Vertritt. Immer häufiger wird durch Verspritzen von Gülle der Lebensraum Alm vernichtet. Bereits vor Jahrzehnten fiel die Artenvielfalt der Talwiesen der Überdüngung zum Opfer, jetzt sind die Almen dran. Das braucht niemand. Man muss ja Almflächen auch nicht mit aller Gewalt offen halten. Wenn man naturnahen Wald zurückkehren lässt, ist das ökologisch OK und sogar klimarelevant, binden doch Bäume sehr viel CO2. Das Bild der Alpen wird sich wandeln und der Wolf wird seinen Beitrag dazu leisten.”  

Q: https://tierisch.heute.at/a/41941771/wolfsriss-in-grossarl-h%C3%A4tte-verhindert-werden-k%C3%B6nnen

 

Die Kritik an den teilweise überdüngten Almen ist berechtigt. Leider sinken jetzt auch die Fleischpreise kontinuierlich, die Schlachtkälber aus der Mutterkuhhaltung werfen immer weniger Gewinn ab, wenn sie im Herbst den Händlern übergeben werden. Der Handel will im Sinne des Konsumenten möglichst junge schnell gewachsene schwere Tiere zu einem niedrigen Preis. Staatliche Fördergelder werden zugleich gekürzt. Auf manchen Almen wird daher bereits Kraftfutter zugegeben. So können mehr Tiere aufgetrieben werden, als die Fläche eigentlich verträgt, und schnell auf das geforderte Mastgewicht aufgefüttert werden. Der anfallende Mist und die Gülle verbleiben aber auf den Weideflächen und überdüngen sie. Das ergibt tatsächlich weder ökologisch, noch was die nachhaltige Versorgung der Bevölkerung betrifft, irgendeinen Sinn. Das ist eine klare Fehlentwicklung, die in der Folge auch die Qualität des Wassers gefährden wird.

 

c) die Alm als Herrschaftsbereich

 

Das Thema der Besitzverhältnisse wurde im Jahr 2019 in einer FALTER – Podcast- Folge zum Thema „Das Comeback der Wölfe“ vom Biologen Peter Iwanievicz aufs Tapet gebracht. Der Rückgang der bäuerlichen Bevölkerung auf mittlerweile weniger als 4% hat zu einer Konzentration von Landbesitz in der Hand von immer weniger Personen geführt. Die Bevölkerungsmehrheit drängt sich auf immer weniger Fläche und entwickelt ein wachsendes Bedürfnis, sich die verlorenen Areale wieder anzueignen. Peter Iwanievicz:

„ … Österreich ist eben ein Land der Berge, aber auch ein Land der Äcker … 88% des Lebensraumes in Österreich wird von Land- und Forstwirtschaft privat besessen. In Wien hingegen ist der Stadtpark Gemeindeanger. Hier gibt es, und die Wolfsdiskussion spiegelt das wider, viele privatbesitzliche Konflikte. Ich kenne das auch aus Diskussionen mit Forstwirten, die ein Problem damit haben, dass man ihnen vorschreibt, was sie auf ihrem Grund tun dürfen oder müssen. Und auf der anderen Seite, um das im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen: 10% der Landesfläche sind Städte. Und in denen leben 60% der österreichischen Bevölkerung. Im Almschutzgesetz steht explizit und fast ausschließlich drinnen, dass es um eine wirtschaftliche Sicherstellung der Almverwendung geht. Freizeitwert, Erholungswert, Leute aus den Städten, die eben Natur suchen, wodurch es immer wieder zu Konflikten kommt, vermehrt kommt und vermehrt kommen wird, sind da überhaupt nicht vorgesehen. Das ist der große Paradigmenwechsel, den wir diskutieren, aber auch erarbeiten müssen: Es gibt ein Interesse eines großen Teils der Bevölkerung an einer Natur und Naturerlebnis. Deswegen haben wir auch Nationalparks, die Leute suchen den Kontakt und haben auch ein anderes Verständnis als früher, was Wildtiere betrifft … Man misst da immer mit zweierlei Maß. Ende Juli gab es eine Attacke eines Mutterschafes auf einen Wanderer, der niedergestoßen und verletzt wurde. Legt man das jetzt um, Sie kennen all diese Fälle mit Rindern, die werden ja auch nicht sofort erschossen. Beim Wolf genügt es, dass er sein Nasenspitzerl an eine Ortschaft bringt.“ 

Q: https://www.falter.at/falter/video/CQAJYy_qyMY/im-falter-das-comeback-der-wolfe/PLDEF9F823EE37271C

 

Vor dem Hintergrund des hier gebrauchten schwammigen Begriffes „Natur“ als vom wirtschaftenden Menschen nicht beeinflussten Sehnsuchtsort mit vermeintlich optimaler Biodiversität wird jegliche Landwirtschaft vom Ökotourismus zunehmend als Störfaktor wahrgenommen. Landwirtschaftliche Akteure sind zu Feindbildern vieler Touristen geworden.

 

Was ist zu tun?

 

Wie lösen wir diese gesellschaftlichen Konflikte? Was ist zu tun angesichts der Tatsache, dass es während Jahrhunderten die Landwirtschaft war, welche eine hohe Artenvielfalt erst ermöglicht hat?

Prof Kunz:

„Gegen die Natur ankämpfen, genau das hat die Landwirtschaft jahrhundertelang getan. Aber die Landwirtschaft kann nicht auf das Niveau des 19. Jahrhunderts zurückgefahren werden. Leider aber wäre wohl genau das die einzige Möglichkeit, um den früheren Artenreichtum zurückzuholen. Der Artenreichtum der Landwirtschaft von früher beruhte auf der Armut (und dem Hunger) der Bevölkerung.“ Kunz zeigt ein Feld mit sehr schütterem Roggenbewuchs, wo der Ortolan brütet. „Ich bin überzeugt, dass auch die biologische Landwirtschaft das Insektensterben nicht aufhalten kann; denn was wirklich gebraucht wird, sind Flächen, die viel magerer und karger sind … Der Kiebitz als typischer Acker- und Wiesenvogel kann durch Ackerrandstreifen nicht zurückgeholt werden. Das reicht nicht.“

An dieser Stelle macht Prof. Kunz Vorschläge für Artenschutz in den  Niederungslandschaften, die auf das Hochgebirge nur bedingt angewendet werden können, aber die Problematik sehr klar aufzeigen:

„Die landwirtschaftliche Düngung kann nur in unzureichendem Maße zurückgeschraubt werden. Die natürliche Sukzession ist also überall kaum aufzuhalten. Daher bietet sich folgende Lösung an: Die Herstellung künstlicher Habitate mit technischem Gerät. Da die Düngung aus der Luft nicht aufzuhalten ist, bietet sich als Lösung an, nährstoffarme Flächen durch Abtragen der Vegetation zu simulieren. Dass künstlich hergestellte Offenböden ausgestorbene Arten zurück holen können, beweisen die Militärgelände oder Braunkohle- und Kiesabbauflächen. Solche Gebiete beherbergen an einigen Stellen die halbe Rote Liste.“

Da geht es um Birkhühner auf Truppenübungsplätzen, Brachvögel, Feldlerchen und Orchideenarten im Umkreis von Flugfeldern, Steinschmätzer und Flussregenpfeifer auf Tagebauflächen …

„Der Landwirt könnte mit seinem Gerät und seinem know-how Sonderflächen (Ausgleichsflächen) für bestimmte Arten anlegen, die aus den landwirtschaftlichen Produktionsflächen herausgenommen werden und auf die Bedürfnisse bestimmter Arten zugeschnitten sind. Das Vorbild dafür wäre (nach nunmehr 10-jähriger Erprobung): das bundesweite Projekt (Anmerkung: in Deutschland)  ,Jeder Gemeinde ihr Biotop` …  Ich plädiere für den segregativen Naturschutz: … hier die Agrarflächen und dort die Flächen für die Arten.“

Da genügt manchmal ein Luzernefeld für bestimmte Schmetterlingsarten. Und in Weihnachtsbaumkulturen beispielsweise überleben die letzten Raubwürger.

 

Lösungen für die Alpen

 

Was könnte das für die Alpen bedeuten? So notwendig Intensivlandwirtschaft in den landwirtschaftlichen Gunstlagen, in den Niederungen und auch in den Tallagen der Alpen, für unsere Ernährung bleiben wird, in den höher gelegenen Regionen der Bergbauernhöfe und Almen macht sie weder versorgungstechnisch noch ökologisch Sinn. Ebenso wenig Sinn aber macht es, die dortige Natur sich selbst zu überlassen. Denn die auf diese Weise entstehenden Ökosysteme wären keine wie auch immer geartete Rückkehr zu einer vermeintlichen ökologischeren Vergangenheit, sie wären etwas völlig Neues, nie Dagewesenes, welches genau betrachtet kaum zum Vorteil der heute lebenden Menschen und auch nicht zum Vorteil gefährdeter Tier- und Pflanzenarten gereichen würde. Solche Erfahrungen hat man gemacht im 1914 gegründeten Schweizerischen Nationalpark in Graubünden, wo man jegliche menschliche Einflussnahme auf die natürliche Dynamik zurückgenommen hat. 

Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizerischer_Nationalpark

 

Die Spuren der menschlichen Aktivität schwinden dort nur sehr langsam. Der Weg zur Herausbildung eines neuen ökologischen  Gleichgewichtes verläuft offensichtlich über viele Zerstörungsprozesse und würde wohl Jahrhunderte in Anspruch nehmen mit unbekanntem Ergebnis. Der Verlust des fruchtbaren Oberbodens, der in den Ackerbaugebieten des Tieflandes der Artenvielfalt zugute kommt, wie Werner Kunz erklärt, führt auf steilen Flächen zur Wüstenbildung mit verheerenden Wirkungen auf Lebewesen und Klima. Als diesbezügliches Forschungsobjekt hat der Nationalpark zweifellos einen hohen Wert, als Modell für weitere derartige Gebiete wohl kaum.

Auf diese Erfahrungen hat man in Österreich bei der Errichtung des Nationalparks Hohe Tauern in den Jahren 1981 bis 1994 reagiert. Die Gliederung in eine unberührte Kernzone und in eine traditionell almwirtschaftlich genutzte Außenzone war keineswegs bloß ein Kompromiss zwischen Naturschutz und den wirtschaftlichen Interessen der Bauern. Sie dient der Erhaltung der größtmöglichen Biodiversität.

In der Almenregion ist eine auf jahrhundertlanger Erfahrung beruhende extensive,  flächengebundene Bewirtschaftung – weiterentwickelt unter den veränderten Bedingungen neu einwandernder Arten und des Klimawandels – der einzige Garant für die Erhaltung von Artenvielfalt.

 

In einer Gesellschaft, die – vorangetrieben durch die wirtschaftlichen Interessen von NGOs – immer noch einem ideologisch motivierten, in Wahrheit längst obsoleten Naturschutzideal der 1970er Jahre folgt, bedarf es zu diesem Zweck intensiver Bildungsbemühungen.

Allein vom Verkauf der auf solchen extensiven Flächen erzeugten hochwertigen Nahrungsmittel zu leben, war schon immer schwer möglich und ist unter den herrschenden neoliberalen Bedingungen umso schwieriger.

Die derzeitige Form des Tourismus, der immer unstrukturiertere und oft rein hedonistische Konsum dessen, was unter „Natur“ verstanden wird, nicht selten zu Lasten der landwirtschaftlichen Interessen (siehe Wolfsproblematik, Kuhurteil, Beunruhigung von Weidevieh und Wild, Müllproblematik, mittlerweile auch teils gravierende Flurschäden auf landwirtschaftlichen und forstlichen Flächen, vor allem durch Mountainbiker, schließlich die zunehmend gedankenlose Inanspruchnahme der Bergretter), ist ebenfalls keine zukunftsfähige Lösung.

 

Berglandwirtschaft als Orte des kollektiven Lernens

 

Die kollektive Empörung über das Sperren von öffentlichen Wanderwegen auf privaten Almflächen durch die bäuerlichen Besitzer – als Reaktion auf das Kuhurteil – macht einerseits deutlich, dass die von Peter Iwanievicz angesprochene kollektive Forderung nach einer wenigstens ideellen Wiederaneignung der an die landwirtschaftliche Minderheit verlorenen Territorien nicht mehr übergangen werden kann. Andererseits muss aber klargestellt werden, dass gerade die Nutzung von als öffentlich wahrgenommenen Flächen nicht vorstellbar ist ohne Wissen, Kulturtechniken und Respektierung von Regeln.  

Es reicht ja beispielsweise auch nicht, Staatsbürger zu sein, um sich auf öffentlichen Straßen motorisiert zu bewegen. Es ist eine Lenkerberechtigungsprüfung zu absolvieren in Theorie und Praxis. Und diese Lizenz kann auch wieder entzogen werden bei gröblichen Verstößen gegen die geltenden Regeln.

Allein mit Regeln, wie sie das Landwirtschaftministerium als Reaktion auf das Kuhurteil nun heraus gebracht hat, wird man nicht das Auslangen finden. Regeln wollen verstanden sein aus fundiertem Wissen und konkreter Erfahrung heraus. Andernfalls verankern sie sich nur schwer im Gedächtnis.

Gerade der Corona-Sommer 2020 hat gezeigt, dass das kollektive Unbewusste der österreichischen Bevölkerung ein quasi indigenes Verhältnis mit seiner Alpenlandschaft verbindet. Verantwortung, Wissen und Erfahrung aber, welche ein gedeihliches Ausleben dieser Beziehung voraussetzen, sind weitgehend verloren gegangen. Wieder gewonnen werden aber können sie am ehesten mit Hilfe jener, die konkret mit dieser Landschaft verbunden geblieben sind: mit Hilfe der Bergbauern.

Bergbauernhöfe könnten zu bezahlten Bildungseinrichtungen werden mit dem Auftrag, der Bevölkerung eine realistische Vorstellung davon zu geben, wie der Einfluss des Menschen auf die Natur praktisch wirkt, und dass menschliche Gestaltungstätigkeit nicht pauschal mit Verlust von Arten und ökologischer Zerstörung gleichgesetzt werden darf. Zerstörerisch auf Mensch und Natur wirken nicht Aktivitäten mit dem Ziel, naturgegebene menschliche Bedürfnisse, auch materieller Art, aus der Natur zu befriedigen. Zerstörerisch wirkt hingegen eine Wirtschaftsweise, in welcher nicht diese naturgegebenen Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, sondern rein finanzielle Zwänge, eine Gesellschaftsordnung also, in welcher Geld wichtiger ist als all das, was es eigentlich repräsentieren sollte. Zerstörerisch wirkt die Gier, auch die Gier nach oberflächlichem Naturkonsum.

Einer DER Pioniere zeitgemäßer landwirtschaftlicher und zugleich ökologischer Bildung der Bevölkerung ist Christian Bachler auf seinem Bergerhof, dem höchstgelegenen Bauernhof der Steiermark: 

Q: https://www.facebook.com/124324697710933/videos/192312152494904
Q: https://www.facebook.com/124324697710933/videos/693673208078392

 

„Der Mensch ist für die Erde ein Juwel“

 

Ich möchte diesen Aufsatz beschließen mit Aussagen des slowenischen Land-Art-Künstlers und Geomanten Marko Pogacnik, der das Wappen Sloweniens gestaltet hat. 

Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Wappen_Sloweniens

 

Pogacnik kritisiert das gegenwärtige rein museale Verständnis von Natur- und Artenschutz. Die Erde sei in fortwährender Wandlung begriffen. Für den, welcher „den Sprung ins kalte Wasser“ wagt und der Natur jenseits des Rationalen begegnet, wird die Erde von unsichtbaren Wesenheiten in jedem Moment neu erschaffen, wir sollten uns dem Wandel daher nicht verschließen, sondern ihn bewusst mit der Erde gemeinsam gestalten.

Pogacnik lebt nahe der italienischen Grenze und sieht sich als Brückenbauer zwischen der ost- und der westeuropäischen Mentalität. In der gegenwärtigen westlichen Klimawandel-Hysterie beispielsweise sieht er einen Ausdruck von Angst, etwas zu verlieren. Der einseitige Hang zur objektiven Wahrheit hat uns selbst zu Objekten unseres Schicksals gemacht. Die gegenwärtigen Zerstörungen durch die neoliberale Zivilisation betrachtet Pogacnik als eine Art Abräumprozess, aus dem zunehmend die Lebenskraft der Erde sich zurückzieht. Wir finden keinen inneren Frieden, wenn wir diese vor sich gehende Selbstzerstörung der überlebten materialistischen Systeme nicht akzeptieren, wenn wir uns dagegen auflehnen.

Die Erde selbst mit ihren unzähligen unsichtbaren Wesenheiten erschafft parallel dazu längst eine neue Lebenssphäre, eine neue Wirklichkeit ist in Wahrheit schon da. Wir stehen bereits auf einer neuen Erde. Es gibt Inseln des Lichts überall in der Natur, auch in Städten – wie Samen einer neuen Realität. Man kommt dorthin und findet einen schönen außergewöhnlichen Platz, den Menschen gestaltet haben, und der eine sehr subtile geistige Atmosphäre hat. Und diese Inseln verbinden sich immer stärker zu einem Netzwerk. Menschen wirken auf diese Weise im ökologischen, sozialen und politischen Bereich.

Pogacnik hält den Menschen auch in Zukunft für einen unverzichtbaren Teil der Erde und der Natur: “Wir Menschen haben uns entschlossen, einzutreten in die inneren Bereiche dieses Planeten, in seine Atmosphäre, und sind voll Teil davon. Die Erde rechnet auf uns ganz stark, dass sie einen Quantensprung machen kann mit der Hilfe des menschlichen Bewusstseins. Wir haben ein Bewusstsein, das aus eigener Herzensentscheidung mitmachen kann, mitschaffen kann bei Prozessen, die die Erde interessieren. Aus Steinen sind wir fähig, Kathedralen zu machen, so wie sie Berge macht. Der Mensch ist für die Erde ein Juwel, für alle Wesenheiten der Erde ist der Mensch potentiell ein Juwel.“ 

Q: nachfolgendes Video | https://www.youtube.com/watch?v=_XU0WBiypO4

 

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

2 Comments

  1. Reinhard Seevers

    Hallo Elisabeth,

    was für ein hervorragender Beitrag. Er ist das Umfassendste und Umfangreichste, was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe!
    Der Beitrag ist gut verständlich und baut sich logisch auf. Allein das Fazit dieser komplexen Problemetik und seiner Analyse gibt mir zu denken. Die Mehrheit der Menschen wünscht sich Wohlstand und die damit verbundenen Annehmlichkeiten. Für die Erkenntnis, die diesem Beitrag innewohnt wird die Masse keinen Blick haben, oder haben wollen. Das würde nämlich bedeuten, dass sie sich damit beschäftigen müsste. Da bin ich Pessimist.
    Die Grundvoraussetzung für die Umsetzung der Erkenntnisse ist die intellektuelle Fähigkeit zur Empathie gegenüber dem Thema und seinen Beteiligten, die existenzielle Sicherheit sich auf eine andere Form des Wirtschaftens einzulassen und die Änderung einer materiellen Befriedigungskultur in eine weniger materielle…..das bedeutet die Umerziehung eines großen Teils der Menschheit oder mindestens eines Volkes.

    Reply
  2. Elisabeth Ertl

    Hallo Reinhard, danke dir sehr für dein Lob!
    Ich halte Optimismus für eine spirituelle Tugend, und gar so unangebracht ist er nicht, finde ich. Es gibt mittlerweile sehr viele Initiativen, diese Zusammenhänge der Bevölkerung näher zu bringen. Diese Seite ist nur eine davon. Andere haben bereits eine viel höhere Reichweite wie der Facebook-Account von Christian Bachler, der zwischen seinen köstlich kommentierten Tierfotos immer wieder leicht verständliche kurze kritische Infos über Politik, NGOs etc. einfließen lässt:https://www.facebook.com/BergerhofKrakauebene/
    Eine weitere ist jene einer Wiener Konsumentin:
    https://www.facebook.com/melange.in.gummistiefeln/
    Und die folgende findet auch immer wieder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Widerhall:
    https://www.landschafftleben.at/?gclid=Cj0KCQiApY6BBhCsARIsAOI_Gjb8FXSJGwrZlGHJj62C6yF27CcDzWblK8Kclyyw_CS9mKbusfMVQp4aAt37EALw_wcB
    Auch einen bäuerlichen Kabarettisten gibt es, der seinem Publikum gerne reinen Wein einschenkt:
    https://podcasts.apple.com/at/podcast/von-tierrechtlern-und-veganern/id1511032763?i=1000506691764&fbclid=IwAR3du_9VrBbikcotsNoqgIGYD0gB5DcTrcmi5lJwHyJEIJnv8efwgxvfZEU
    Sogar das Ministerium bemüht sich:
    https://www.bmlrt.gv.at/service/bildungsmaterialien.html
    Und das Land Tirol denkt in Folge der Corona-Krise gerade intensiv über einen naturverträglicheren Tourismus nach.

    Sicher, die KonsumentInnen von Bio und Direktvermarktung sind noch eine kleine Minderheit. Aber der Anteil wächst sehr stark.

    Gäbe es den Erfindungsreichtum unserer Bauern nicht, wäre die österreichische Landwirtschaft in den letzten 25 Jahren seit dem EU-Beitritt schon untergegangen.

    Reply

Submit a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.