Robert und der Rohmilchkäse

Robert und der Rohmilchkäse

Robert und der Rohmilchkäse

verfasst von Bianca Blasl

November 25, 2020

Rohmilchkäse funktioniert in Österreich nicht ohne Robert Paget. Er ist Vorreiter und Querdenker. Das sieht man an seinem Hof, an seinem Zugang zur Landwirtschaft und nicht zuletzt bei seinen Tieren und seiner Art zu Leben. In Diendorf am Kampf hält Robert Wasserbüffel und Ziegen, aus deren Milch er Mozzarella, Camembert, Frischkäse, Ricotta und sogar Stilton macht. 

Über die eine oder andere glückliche Fügung bin ich zu Robert Paget gekommen. Bei meinem ersten Besuch war in seinem Hofladen so viel los, dass wir uns kurzerhand zum gemeinsamen Käsen verabredet haben. Um mehr voneinander zu lernen: Er über mich und meine Projekte und ich über ihn und seinen Käse. Gesagt getan. Ich packe Melange und Gummistiefeln ein und nehme einen Zug ins Kamptal. Dass man mit dem Zug nach Diendorf kommt hätte ich nicht vermutet. 

Robert strahlt mir entgegen, es ist ein verregneter Tag. Ich darf bei einem Käsekurs dabei sein, den er abhält.

„Einfach unbeirrbar vorrausgehen“

Warum Robert so ist, wie er ist.

Aufgewachsen in Wien, als Sohn des Direktors des Naturhistorischen Museums, studiert Robert Biologie und erforscht Piranhas. Ihn quält die Vorstellung mit Mitte Zwanzig wissen zu müssen, was mit 65 sein soll. Deshalb will Robert weit weg. Selbstbestimmt sein. Also gibt er seine Dissertation ab, kauft den Hof in Diendorf und fängt an Salat zu pflanzen. Quasi von der Fixanstellung zum Neuanfang. Austeigen war ja zu der Zeit sehr in. Der Hof in Diendorf hatte keinen eigenen Grund. 20 Hektar pachtet Robert dazu. Angefangen hat die Sache mit den seltsamen Milchtieren wegen seiner Frau. Sie stammt aus Frankreich. Deshalb 1985 zuerst Milchziegen. Außerdem waren Kühe Robert zu schräg, zu groß und zu teuer. Ziegen waren allerdings zu der Zeit das Allerletze in Österreich, wie Robert sagt. Verschrien als stinkendes Armeleutetier, das dich gesellschaftlich in ein Eck stellt. Er erzählt von Begebenheiten, als er seinen Käse am Markt verkaufen wollte und Passanten so getan hätten, als müssten sie sich übergeben. Ich frage ihn, was es braucht, um nicht aufzugeben. „Naivität und Mut“, antwortet der lächelnde Käser, „Einfach unbeirrbar vorrausgehen“. Doch oft kommt es anders als man plant: Nur ein Jahr später kam der Reaktorunfall in Tschernobyl und die Milchbauern durften nicht mehr verkaufen. Ein Rückschlag. Doch auch das: Kein Grund aufzugeben. Diese Einstellung zum Leben nehme ich mir mit. Diese Einstellung ist es auch, die Robert zu dem macht was er ist. Robert ist in seinem Leben viel gereist und hat Milch und Käsekultur auf der halben Welt entdeckt. Besonders die Nomadenvölker und deren Milchkultur haben es ihm angetan.

Vom goldenen Käsecontainer und nomadischen Käsern

Robert wollte ein Zeichen für regionale Lebensmittelproduktion setzen: einen goldenen Container, den Prototyp für die erste energieautarke Käserei. Inspiriert von nomadisch lebenden Völkern , die er auf seinen Reisen kennenlernt, verbindet Robert in der „Nomad Dairy“ das Weitergeben seiner 40 Jahre Erfahrung rund um Käsekultur und -handwerk mit einer Plattform für kulturellen Austausch.

Die „Nomad Dairy“ soll ein Ort der Inspiration, Trainingscenter und ein mögliches wirtschaftliches Modell für Landwirte sein, die nach Alternativen suchen, in ihrer Region wieder selbst zu käsen und dabei die Wertschöpfung zurück zu holen. Landwirte, die traditionelle Käserezepturen aufleben lassen oder neu kreieren wollen, um ihre Region kulinarisch zu bereichern. In Deutschland gibt es das Prinzip der fahrenden Käser schon lange. Die Idee: Nicht jeder Milchbauer muss in die Infrastruktur und das Wissen rund ums Käsemachen investieren, sondern es gibt mobile Käser, die zu den Bauern kommen und ihnen aus der eigenen Milch Käse machen. Finde ich ziemlich kuhl. Ein Zukunftsprojekt?

Eine kurze Geschichte der Wasserbüffel

Wasserbüffel stammen ursprünglich aus Südostasien, Indien und China. Sie waren vor allem Arbeitstiere und zum Pflügen der Felder gedacht. Allerdings hat man von den Tieren alles genutzt: Milch, Fleisch, Leder, Knochen. In Europa hat man Büffel nach Italien und Rumänien geholt, um dort riesige sumpfige Flächen trockenzulegen. Denn im Gegensatz zu Kühen und Pferden halten die Hufe der Wasserbüffel Nässe gut aus. Mehr noch: die Büffel lieben Wasser und sind sehr genügsam und beim Futter nicht heikel. Der Sumpf war trockengelegt, die Büffel sind geblieben. Besonders in Italien wird viel Büffelmilch produziert und daraus Mozzarella gemacht. Wir kennen ihn als „Mozzarella di Bufala“. Was wenige von uns wissen: Ein Büffel muss genauso wie eine Kuh trächtig sein, um Milch zu geben. Nun sind 50-70 % der Büffelkälber männlich. Da das Fleisch und sein Geschmack bei uns unbekannt sind, sind die männlichen Büffelkälber für die Landwirte quasi unbrauchbar. In Italien ist es vielerorts gängige Praxis, die männlichen Kälber verhungern zu lassen. Weil es sich betriebswirtschaftlich nicht rechnet, sie zu füttern. Denn so eine Büffeldame gibt nur 6-8 Liter Milch pro Tag und die wird für den Mozzarella gebraucht (zum Vergleich: Eine Kuh gibt bis zu 30 Liter Milch pro Tag).

 

Robert und die Büffel – Robert und der Rohmilchkäse

Hinter einem Handwerk, hinter Essen, steckt immer eine Kultur und Menschen. Robert ist viel in Indien und Asien gereist. Vor 20 Jahren hat er ein Sozialprojekt mit Milchbauern in Westindien gestartet, hat dort Kultur, Essen, Menschen und Wasserbüffel kennengelernt. Bei Robert läuft das mit den Büffeln ein wenig anders. Er hat sich die Mozzarella–Produktion und die Büffel in Italien angesehen und sich daraufhin 10 Büffel aus Holland geholt, wo damals einer der wenigen Zuchtbetriebe war. Denn Büffel lassen sich nicht auf Leistung hin züchten, wie Kühe. 3 Jahre lang wird getüftelt und experimentiert, bis Robert mit seinem Büffelmozzarella zufrieden ist. Bei Robert werden die männlichen Kälber aufgezogen und dann zu Salami und anderen Würsten verarbeitet.

Von geschlossenen Kreisläufen und Molkeschweinen

Wer Robert kennt, schätzt sein anders Denken und Tun. Das Futter für seine Büffel (er ist der einzige Wasserbüffelzüchter in Österreich) und Ziegen wächst auch auf den Wiesen eines befreundeten Winzers, der wiederum seinen Weingarten mit Büffelmist düngt. Seine Wollschweine bekommen die Molke, die beim Käsen übrigbleibt: Aus ihnen werden Speck, Würste und Fleisch.

 

Von der Kehrseite der Medaille und großer Leidenschaft

Ja um Roberts Mundwinkel spielt fast immer ein Lächeln. Fast immer. Denn auch er ist ein Mensch und hat Sorgen. Von Landwirtschaft wird man nicht reich, auch nicht mit einem so wertvollen Produkt. Die Arbeit in der Landwirtschaft wird von Jahr zu Jahr körperlich
beschwerlicher. Er hatte eine Mitarbeiterin, die ihn bei den Tieren, beim Melken und bei allem in der Landwirtschaft unterstützt hat. Sie hat nun gekündigt und Robert sieht sich mit der ganzen Arbeit alleine und muss wieder jemanden suchen. Wenn er davon erzählt, zeigen sich dann doch ein paar Sorgenfalten. Doch es ist die Leidenschaft für die Landwirtschaft, die Tiere und guten Käse, die Robert immer weiter antreiben.

wer hats
geschrieben?

Bianca Blasl

Bianca Blasl vulgo Melange.in.Gummistiefeln ist die rasende Reporterin bei BauertothePeople. Die umtriebige Bloggerin hat Landwirtschaft studiert, liebt gutes Essen #Foodie und berichtet für ihr Leben gern über alles, was mit leiwander Landwirtschaft zu tun hat.

vielleicht auch interessant …

Robert und der Rohmilchkäse

Rohmilchkäse funktioniert in Österreich nicht ohne Robert Paget. Er ist Vorreiter und Querdenker. Das sieht man an seinem Hof, an seinem Zugang zur Landwirtschaft und nicht zuletzt bei seinen Tieren und seiner Art zu Leben. In Diendorf am Kampf hält Robert...

read more

Wolf und Jagdtourismus

Wolf und Jagdtourismus ein Aufsatz von Elisabeth Ertl Der Wolf ist in den letzten Jahren regelrecht zum Inbegriff von Artenschutz, Biodiversität, unberührter Natur, Wildnis und der menschlichen Sehnsucht danach geworden.Dennoch sei gleich zu Beginn dieses Aufsatzes...

read more

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

Patricia und ihre Familie haben uns beim Besuch ein Gefühl dafür gegeben, was es bedeutet, mit Leidenschaft Land- bzw. Viehwirtschaft zu betreiben. Die 28-jährige Powerfrau ist Schafbäuerin, die erste weibliche Obfrau der Schafjungzüchter in Tirol und all das schafft...

read more

So a Kas – vom Gras ins Glas | Florian Lugger von INSRIGIS

So a Kas – vom Gras ins Glas | Florian Lugger von INSRIGIS

So a Kas – vom Gras ins Glas | Florian Lugger von INSRIGIS

verfasst von Bianca Blasl

September 21, 2020

Heute ausnahmsweise mit Elektroauto bewaffnet, kurve ich die schmalen Straßen durchs Lesachtal. Verfahre mich 1 bis 5 mal und lande dann wohlbehütet bei Florian Lugger. Denn gerade bin ich am Peintnerhof in Niedergail (Obergail war aus -haha), wo es jeden Tag zum Frühstück die INSRIGIS Milchprodukte von Florian gibt. Weil ich ja grundsätzlich wissen will, wo unser Essen herkommt konnte die Investigativbäuerin in mir nicht ruhig schlafen, bis sie die Quelle aufgespürt hat. Florian steht vorm Stadl und grinst. „Und was willst du eigentlich ganz genau?“. Ich erkläre dem 27-jährigen Hofübernehmer, dass ich sehr auf gutes Essen stehe und wissen will, wo´s herkommt. „Tada – da bin ich.“ Na gut, sagts und führt mich ins Heustadl – die Tenne. Die Jugend in Kärnten, was soll man sagen.

Durch’s Reden kommen die Leut´ zam

Es riecht unheimlich gut nach Heu. Vor uns türmen sich Heuberge. Es ist laut. Was das denn ist, schreie ich Florian durch den Wirbel hindurch an. Die Heutrocknungsanlage. Aha. Florian hat 6 Milchkühe und 9 Hektar Grünland. Die Tiere sind im Sommer auf der Alm und den Weiden ums Haus – den Hutweiden. Für den Winter wird das Gras gemäht, getrocknet und die Kühe werden ausschließlich mit Heu gefüttert. Keine Silage (das Gras, das wie Sauerkraut mit Milchsäurebakterien für den Winter haltbar gemacht wird) Kein Kraftfutter. „Bei uns sollen die Kühe das fressen, was ein Wiederkäuer eben fressen soll: Gras und Heu.“ Während ich noch grüble wie viel Gras und Heu eine Kuh im Jahr frisst, gehen wir schon weiter.

Was ist eine Hutweide?

by Bianca Blasl (in Vertretung 🙂 | What the FAQ - Die BauertothePeople Wissensschnipsel

Richtig gesehen, das ist ein Exkurs:

 

Übers füttern von Milchkühen.

Wie viel eine Milchkuh frisst, hängt von der Milchleistung (also wie viel Milch eine Kuh pro Tag gibt), der Tiergröße, der Futterart und vielen weiteren Faktoren ab. Die Art, wie Florian seine Tiere füttert ist mit Abstand die arbeitsintensivste. Da die Kühe kein Kraftfutter wie Getreide, Soja et cetera bekommen, müssen sie ihre ganze Energie aus dem Gras und dem Heu nehmen. Entsprechend viel Gras müssen sie im Sommert auf der Weide fressen oder im Winter im Stall als Heu gefüttert bekommen. Im Sommer kann eine Kuh pro Tag zwischen 70 und 140 Kilogramm Gras fressen, im Winter sind es zwischen 15 und 20 Kilogramm Heu.

Alles da

Florian geht mit mir in den Stall. Von der Landwirtschaft soll man leben können. Das heißt auch essen können. Florian und seine Familie versorgen sich fast zu 100% selbst mit Lebensmitteln und Energie. Im Stall wohnen im Winter nicht nur die Kühe, sondern auch Schweine, die mit der Molke, die beim Käsemachen anfällt, gefüttert werden. Außerdem gibt es Hühner, die das Getreide fressen, das am eigenen kleinen Acker wächst. Daraus wird auch Brot gebacken. Eine Hofkatze gibt es auch. Für die Tierschützer unter euch: die wird nicht gegessen, die is(s)t für die Mäuse zuständig. Am Weg vorbei an Streuobst- und Gemüsegarten treffen wir Florians Mama am Erdäpfelacker.

Auf einer Wiese in der Nähe stehe Bienenstöcke. Das Warmwasser kommt von der Hackschnitzelheizung. UND: Die Familie Lugger betreibt ein eigenes kleines Wasserkraftwerk.

Versorgt sich und die Umgebung mit Öko-Strom. Wir fahren zur Turbine und zum Kraftwerk. Das meiste ist selbstgeplant und gebaut, erklärt Florian. Innerhalb von 15 Jahren soll sich der Bau des kleinen Kraftwerkes amortisiert haben und Geld einspielen.

 

Milchbubenrechnung

Und die Milch, und der Käse und die Butter, wo ist das alles? Florian führt mich ins Erdgeschoss des Wohnhauses. Zwei Zimmer. In einem Getreidemühle und Hartkäseexperiment – Florian übt sich zum ersten Mal in der hohen Kunst des Hartkäsemachens. Im zweiten Zimmer: der Milchverarbeitungsraum. Hier wird auf kleinem Raum die Milch von den 6 Kühen zu Butter, Mozzarella und Joghurt verarbeitet. In der Woche circa 300 Liter. Früher hat die Familie die Milch an eine Molkerei geliefert. Seit Florian den Betrieb mit 23 übernommen hat, verarbeitet und vermarktet er seine Milchprodukte unter dem Namen INSRIGIS. Insrigis ist ein Dialektwort und bedeutet Unseres, Eigenes, Selbstgemachtes. Er ist fast immer ausverkauft und setzt bei der Verpackung auf Mehrweggläser, die ihm seine Abnehmer wiederbringen.

 

Und alles was nicht mit der Landwirtschaft per se tun hat?

Menschen sind wir alle: Mir fällt es nicht leicht Florian die Frage zu stellen, wie es denn ist, allein am Betrieb als junger Mensch und die Eltern als Arbeitskollegen. „Natürlich gibt es auch oft Meinungsverschiedenheiten“, erklärt er. Schließlich haben die Eltern früher einiges anders gemacht. Doch am Ende des Tages halten sie zusammen. Florian sagt zwar, er hat genügend Freizeit, die er auch mit Freunden verbringt. Doch wenn ich mir so anhöre, wie viel er arbeitet, merke ich: Es hat wohl wirklich jeder einen anderen Zugang. „Schade ist, dass ich heim muss zum Melken, während die anderen noch sitzen bleiben“, gesteht Florian.

Tal der Männer

Angesprochen auf die Frauen erzählt mir Florian, dass die meisten jungen Frauen wegziehen. Um zu studieren oder wo anders zu arbeiten. Es gibt zwar Arbeit in der Fabrik oder im Tourismus. Aber das ist eben nicht für jeden und jede. Viele seiner Freunde haben den elterlichen Hof übernommen oder arbeiten in der Gegend. Ob die Frauen wiederkommen? Was weiß man.

wer hats
geschrieben?

Bianca Blasl

Bianca Blasl vulgo Melange.in.Gummistiefeln ist die rasende Reporterin bei BauertothePeople. Die umtriebige Bloggerin hat Landwirtschaft studiert, liebt gutes Essen #Foodie und berichtet für ihr Leben gern über alles, was mit leiwander Landwirtschaft zu tun hat.

vielleicht auch interessant …

Robert und der Rohmilchkäse

Rohmilchkäse funktioniert in Österreich nicht ohne Robert Paget. Er ist Vorreiter und Querdenker. Das sieht man an seinem Hof, an seinem Zugang zur Landwirtschaft und nicht zuletzt bei seinen Tieren und seiner Art zu Leben. In Diendorf am Kampf hält Robert...

read more

Wolf und Jagdtourismus

Wolf und Jagdtourismus ein Aufsatz von Elisabeth Ertl Der Wolf ist in den letzten Jahren regelrecht zum Inbegriff von Artenschutz, Biodiversität, unberührter Natur, Wildnis und der menschlichen Sehnsucht danach geworden.Dennoch sei gleich zu Beginn dieses Aufsatzes...

read more

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

Patricia und ihre Familie haben uns beim Besuch ein Gefühl dafür gegeben, was es bedeutet, mit Leidenschaft Land- bzw. Viehwirtschaft zu betreiben. Die 28-jährige Powerfrau ist Schafbäuerin, die erste weibliche Obfrau der Schafjungzüchter in Tirol und all das schafft...

read more

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

verfasst von Bianca Blasl

September 15, 2020

Patricia und ihre Familie haben uns beim Besuch ein Gefühl dafür gegeben, was es bedeutet, mit Leidenschaft Land- bzw. Viehwirtschaft zu betreiben. Die 28-jährige Powerfrau ist Schafbäuerin, die erste weibliche Obfrau der Schafjungzüchter in Tirol und all das schafft sie neben ihrem Vob als Disponentin beim Lagerhaus in Innsbruck.

Auch mein Tag hat nur 24 Stunden

Patricia, Papa Walter und Bruder Christian bewirtschaften den Hammerschmiedhof in Wörgl, Tirol. Auf 100 Hektar Hochalm auf bis zu 2400 Höhenmetern verbringen ihre 100 Tiroler Bergschafe zusammen mit Pferden und Kalbinnen (so nennt man junge Kühe, die selbst noch kein Kalb geboren haben, also quasi die Teenie-Kühe). Sie schlachten selbst und vermarkten das Fleisch direkt. Als angesehene Züchter räumen sie regelmäßig Medaillen bei Zuchtbewerben ab. Die Rassetiere sind teilweise mehrere tausend Euro wert. Reich wird man davon aber trotzdem nicht – ganz im Gegenteil: ohne Leidenschaft und Idealismus geht gar nichts.

Powerfrau – Bauerfrau

Landwirtschaft und die Liebe zu den Tieren sind Patricia in die Wiege gelegt. Von klein auf ist Patricia mit ihrem Vater unterwegs, lernt alles über Landwirtschaft, Schafzucht, Kühe und Pferde. Mit 20 Jahren schickt er sie zum ersten Mal alleine Schafe bei einem Bauern kaufen. Dem handelt sie dermaßen das Weiße aus den Augen, dass der Papa daheim nur so schaut. Ihre Überstunden bei ihrem Job als Zuchtwartin und Klassifiziererin in Schlachthöfen baut sie ab, indem sie den Landwirtschaftsmeister macht, die Arbeit in der Landwirtschaft und ihre Funktion als Obfrau sind für Patricia gleichermaßen Freizeit und Ausgleich. Damit einen das Hamsterrad des Alltags nicht erschlägt, gibt sie jungen Kolleginnen und Kollgen den Tipp, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen.

Mein Vater, mein Arbeitskollege

In der Landwirtschaft sind Familie und Arbeitskollegen oft dieselben Personen. Auch wenn es Diskussionen und Streitpunkte gibt, muss man sich gezwungenermaßen zusammenraufen. Aus dem Weg gehen kann man sich nicht. Warum das zusammenschweißt und wie genau das noch stärker macht, erzählt uns Patricia im Podcast.

Vom Schafeschlachten und – essen: wie man Tierwohl schmeckt

Den ganzen Sommer dürfen Koflers Schafe auf der Alm verbringen, fressen das saftigste Gras und die besten Kräuter. Auf der Alm brauchen die Schafe viel länger Zeit, um Fleisch anzusetzen, als im Stall. Wie die Alm im Schaf schmeckt und warum sie sich den Aufwand antun, verrät uns Patricia im Gespräch.

Papa Walter ist seit über 35 Jahre Fleischhauer. Schlachtet und verarbeitet alle Tiere selbst. Ich durfte beim Schlachten dabei sein. Meine Anspannung war groß. Walter begegnet den Tieren mit dem größten Respekt. Jeder Handgriff sitzt. Zurück bleiben Ehrfurcht und ein gutes Gefühl. Hier wachsen die Tiere unter guten Bedingungen auf, werden professionell und respektvoll geschlachtet. Was übrig bleibt: 6 Euro pro Kilo Fleisch. Der Markt ist schwierig, weil Lammfleisch kaum mehr gegessen wird, weil wir nicht mehr wissen wie das Lamm zubereitet wird, meint Patricia. Wenn dann gibt´s das Lamm im Gasthaus und dann kommt´s aus Neuseeland oder Irland. Warum, weiß sich Patricia nicht zu erklären. Sie und ihr Vater verkaufen ihr Lammfleisch hauptsächlich an Stammkunden – oft arabische Familien: Die wissen noch wie man Schaf zubereitet. Diese Familien kaufen 100 mal regionaler als wir, weil sie das Tier und frische Produkte wertschätzen, meint sie.

Almrasenmäher, 30 Kilometer Zaun und emotionale Wolfsdiskussion

Damit wir Urlaub auf den Almen machen können werden Schafe gehalten – auch. Schafe haben eine Art zu grasen, mit der sie die Almen so erhalten, wie wir sie kennen: grüne Grasflächen auf denen sich Kuh, Pferd, Schaf und Mensch wohlfühlen. Würden die Almen nicht mehr mit einer Kombination aus diesen Tieren beweidet werden, würden sie zuwuchern, verbuschen wie der Profi-Bauer sagt. Wir könnten nicht mehr wandern, die Tiere hätten kein Futter mehr und könnten nicht mehr grasen. Außerdem steigt die Lawinen- und Murengefahr erheblich, da Schnee und Geröll wesentlich leichter über Büsche und langes Gras abrutschen.

Die Alm der Koflers ist gepachtet. Ohne Leidenschaft für Tier, Land und Natur geht gar nichts. Nur um die Schafe halbwegs in den 100 Hektar zu halten, also um zu verhindern, dass sie ständig ausbüchsen, stecken Patricia und Walter jedes Jahr circa 30 Kilometer Zaun. 30 Kilometer, die sie dann am Ende der Almsaison wieder abbauen, sonst würden ihn die Lawinen mitreißen.

Auf den Nachbaralmen hat in den vergangenen Wochen und Monaten ein Wolf unzählige Schafe gerissen. Viele Bäuerinnen und Bauern rundherum mussten deshalb die Entscheidung treffen die Tiere fünf Wochen früher als geplant von der Alm abzutreiben. Nun stehen sie bei 30 Grad in den Ställen im Tal. Die Wiesen im Tal sind eigentlich Winterfutter und werden erst gemäht. Die Bauern müssen Futter zukaufen während die Almwiesen mit dem besten Futter vertrocknen.

Warum das Alles?

Antwort: Leidenschaft für gesunde Tiere und Lebensmittel, für die Berge und die Alm, für die Landwirtschaft.

wer hats
geschrieben?

Bianca Blasl

Bianca Blasl vulgo Melange.in.Gummistiefeln ist die rasende Reporterin bei BauertothePeople. Die umtriebige Bloggerin hat Landwirtschaft studiert, liebt gutes Essen #Foodie und berichtet für ihr Leben gern über alles, was mit leiwander Landwirtschaft zu tun hat.

vielleicht auch interessant …

Robert und der Rohmilchkäse

Rohmilchkäse funktioniert in Österreich nicht ohne Robert Paget. Er ist Vorreiter und Querdenker. Das sieht man an seinem Hof, an seinem Zugang zur Landwirtschaft und nicht zuletzt bei seinen Tieren und seiner Art zu Leben. In Diendorf am Kampf hält Robert...

read more

Wolf und Jagdtourismus

Wolf und Jagdtourismus ein Aufsatz von Elisabeth Ertl Der Wolf ist in den letzten Jahren regelrecht zum Inbegriff von Artenschutz, Biodiversität, unberührter Natur, Wildnis und der menschlichen Sehnsucht danach geworden.Dennoch sei gleich zu Beginn dieses Aufsatzes...

read more

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

Patricia und ihre Familie haben uns beim Besuch ein Gefühl dafür gegeben, was es bedeutet, mit Leidenschaft Land- bzw. Viehwirtschaft zu betreiben. Die 28-jährige Powerfrau ist Schafbäuerin, die erste weibliche Obfrau der Schafjungzüchter in Tirol und all das schafft...

read more

Alpengarnelen: einfach weil wir können

Alpengarnelen: einfach weil wir können

Alpengarnelen: einfach weil wir können

verfasst von Bianca Blasl

August 28, 2020

Ein Gewerbegebiet in Hall in Tirol. Ein Schild bestätigt mir: Alpengarnelen, hier bin ich richtig. Ein einfacher, moderner Betonbau, ein Parkplatz, wo der Rote Blitz Platz hat. Punktgenau zur vereinbarten Zeit kommt mir Daniel Flock entgegen, gut gelaunt unterschreibt er gerade noch einen Lieferschein und hält mir derweilen die Türe auf.

Durch’s Reden kommen die Leut´ zam

Ich freue mich auf die Alpengarnelen – endlich darf ich sie sehen, quasi kennenlernen. Wir gehen hinein, ich schaue um´s Eck. Außer einer leeren Vitrine und einem kleinen Aquarium sehe ich nicht viel. Daniel betätigt einen Lichtschalter und hinter einer Glasscheibe taucht eine Welt auf. Eine Welt, voll mit langestreckten Becken. Aus hygienetechnischen Gründen darf ich leider nicht zu ihnen hinein. Dafür ein kleines Schauaquarium, damit ich mir vorstellen kann, wie sie leben. Daniel schaltet das Licht schnell wieder aus – die Garnelen brauchen Ruhe und Dunkelheit, da fühlen sie sich wohl und haben keinen Stress. Über jedem Becken schwebt ein grüner Trichter: der Futterbehälter.

Was ist Aquakultur?

by Daniel Flock | What the FAQ - Die BauertothePeople Wissensschnipsel

Was ist eine Reuse?

by Daniel Flock | What the FAQ - Die BauertothePeople Wissensschnipsel

Auf zwei Stockwerken und 1300m2 Grundfläche wohnen die Alpengarnelen. Ihr Zuhause: Gebaut aus Beton, gut isoliert und energieeffizient. Bei 30 Grad fühlen sie sich wohl. Beheizt wird das Wasser aus eigener Kraft: Solarpanele und Photovoltaik versorgen den gesamten Betrieb mit Strom und Warmwasser. Das Wasser: bestes Tiroler Alpenquellwasser. Die Becken werden einmal gefüllt und mit Salz angereichert. Das Wasser fließt durch Biofilter und wird so gereinigt. Lediglich das Wasser, das durch die hohen Temperaturen verdunstet, muss nachgefüllt werden. Alles andere wird hier im Kreislauf geführt – Nachhaltigkeit großgeschrieben.

 

Warum Garnelen in Tirol?

Garnelen werden weltweit unter großem Medikamenten- und Pestizideinsatz erzeugt. Dabei fällt jede Menge Abwasser an. Mangrovenwälder werden für die Produktion abgeholzt und die Garnelen um die ganze Welt geschickt. „Da muss es doch einen anderen Weg geben“, haben sich Daniel und sein Cousin Markus gedacht. Daraufhin ist die Leidenschaft entbrannt und es wurde recherchiert und vernetzt. Auf der ganzen Welt haben die beiden Partner – denn in Österreich sind sie die ersten mit dieser Idee. Beide sind Techniker und haben die Aquakulturanlage hier selbst geplant.

Aller Anfang ist schwer: Zu Beginn war es schwierig, ohne Know-How und Kontakten zu Experten in die Thematik zu finden. Mühsam haben Daniel und Markus Daten gesammelt und ein Netzwerk aufgebaut. Die beiden wurden belächelt. Nach 2 Jahren intensiver Nachforschung haben sie dann eine erste kleine Testanlage in Betrieb genommen. Diese erste Indoor-Garnelenfarm in Österreich hatte es allerdings in sich. Mit einer Jahresproduktionsmenge von gerade mal 200kg haben sie erste Erfahrungen gesammelt.

Es galt die Garnele und ihre Bedürfnisse zu erforschen – der richtige Umgang mit der Wasseraufbereitung will gelernt sein. Rückschläge waren keine Seltenheit. Doch fast täglich zeigten sich Lernerfolge bis hin zur ersten erfolgreichen Ernte – ja Garnelen werden geerntet, wie Gurken, quasi. Von da an gab es dann kein Halten mehr. Die beiden wurden von Anfragen überschwemmt, das Verlangen nach einer fangfrischen Garnele aus heimischer Aquakultur ist zweifellos vorhanden

Von Zuchtgarnelen, Corona, Kunden und Transportwegen

Auch in Corona-Zeiten war nicht die Nachfrage nach frischen Garnelen das was ausblieb, sondern der Nachschub an Garnelenlarven (vulgo Babies) aus Deutschland. Daniel forscht zwar unermüdlich daran, die Garnelen selbst zu züchten und arbeitet mit spezialisierten Biologen zusammen. Doch Garnelenzüchten ist sichtlich eine hohe Kunst. Und ohne Nachwuchs keine Garnelenzukunft. Jetzt sind die Grenzen offen und die Garnelenbecken wieder voll. Die Alpengarnelen werden mit einem spezialisierten Lokistikunternehmen in Styroporboxen in Österreich verschickt. Mindestbestellwert: ein halbes Kilo. Auf die Frage, wie man die Transportwege nachhaltiger gestalten könnte verweist Daniel auf die FAQ auf der Homepage: „Wir halten unsere Kunden dazu an gemeinsam mit Freunden oder Verwandten zu bestellen, damit sich die Transportweg auszahlen. 

 

Tierwohl bei Garnelen: echt jetzt?

Lebewesen ist Lebewesen – da macht Daniel keine Abstriche. Von der Wassertemperatur, über das Futter bis hin zum Platzangebot: die Alpengarnele ist eine Luxusgarnele. Damit wir sie essen können, müssen die Garnelen nun mal sterben. Direkt nach dem Ernten, werden sie auf Eis gelegt. Sie sind sofort tot. Das ist die schonendste Methode, versichert mir Daniel.

 

Der Garnelenbauer und die Freizeit

Weil unser Soziologe Defluencer alias Wilhelm Geiger besonders auf die Frage steht, wie denn für so einen Bauern der Freizeitbegriff definiert ist und was seine von unserer Lebenswelt unterschiedet, habe ich das natürlich auch nachgefragt – man holt sich ja ungern eine Watschn von einem Bobo. Also Daniel und die Freizeit: der 27-jährige trennt Arbeitszeit und Freizeit mittlerweile strickt. Das war früher anders und das Hamsterrad ist gelaufen, bis es fast nicht mehr ging. Am eigenen Betrieb könnte man ja sonst 24 Stunden am Tag arbeiten. Es gäbe immer etwas zu tun. Alpengarnelenfarm und Wohnort sind örtlich getrennt – das macht es einfacher. Die Einstellung geht in Richtung Work-Life-Balance.

jetzt wird´s noch kulinarisch …

Durch’s Essen kommen die Leut´ zam | Rezept

 

Als Abschiedsgeschenk drückt mir Daniel eine Styroporbox in die Hände:1,5 Kilo Alpengarnelen. Nur für mich. Mir geht das Herz auf.

Wo könnten sich Alpengarnelen wohler fühlen als auf dem Berg? Die Garnelen reisen mit mir von Hall in Tirol zum Bergerhof in der steirischen Krakau. Nach 6 Stunden Autofahrt über Bergstraßen mit dem Roten Blitz kommt mir die Idee: Alpengarnelen und Alpenschwein, das muss fast sein.

 

 

Wie man tut … (vulgo Zubereitung)

Die Alpenschweinfilets in Öl mit Rosmarin und Pfeffer vollgas von allen Seiten anbraten. Derweil das Rohr auf 200 Grad Umluft vorheizen. Für Bergbauern oder Vollbobos bedeutet das, dem Holzofen richtig Stoff zu geben. Die angebratenen Filets fest in Alufolie wickeln und circa 30 Minuten im Rohr schmurgeln lassen. Immer wieder testen, wies tut: Jedes Stück Fleisch ist anders. Einfach ausprobieren. Derweilen die Nudeln al dente kochen, abseihen, Olivenöl, Parmesan und Zitronenschale nach Geschmack. Eine Pfanne erhitzen bis es raucht, die Alpengarnelen in wenig Öl scharf anbraten bis sie rosa sind. Mit Zitronenschale und ein bisschen Pfeffer verfeinern – Ende. Das Alpenschweinfilet mit Garnelen und Nudeln am Teller vereinen, Saftl drüber – fertig. Deppeneinfach – Schweinegeil. Sagt auch der Oberbobo Florian Klenk.

 

Was man nimmt … (vulgo Zutaten)

  • 4 Alpenschweinfilets vom Bergerhof in der Krakauebene
  • 2 Handvoll Alpengarnelen
  • Rosmarin
  • Olivenöl
  • Pfeffer – frisch gemahlen! Das Pulver könnt ihr gleich wieder zurück ins Regal stellen. Ernsthaft!
  • Salz
  • Frische Bandnudeln mit Ei
  • Zitronenschale
  • Parmesan – ebenfalls frisch gerieben

 

wer hats
geschrieben?

Bianca Blasl

Bianca Blasl vulgo Melange.in.Gummistiefeln ist die rasende Reporterin bei BauertothePeople. Die umtriebige Bloggerin hat Landwirtschaft studiert, liebt gutes Essen #Foodie und berichtet für ihr Leben gern über alles, was mit leiwander Landwirtschaft zu tun hat.

vielleicht auch interessant …

Robert und der Rohmilchkäse

Rohmilchkäse funktioniert in Österreich nicht ohne Robert Paget. Er ist Vorreiter und Querdenker. Das sieht man an seinem Hof, an seinem Zugang zur Landwirtschaft und nicht zuletzt bei seinen Tieren und seiner Art zu Leben. In Diendorf am Kampf hält Robert...

read more

Wolf und Jagdtourismus

Wolf und Jagdtourismus ein Aufsatz von Elisabeth Ertl Der Wolf ist in den letzten Jahren regelrecht zum Inbegriff von Artenschutz, Biodiversität, unberührter Natur, Wildnis und der menschlichen Sehnsucht danach geworden.Dennoch sei gleich zu Beginn dieses Aufsatzes...

read more

Patricia Kofler – Powerfrau auf der Alm

Patricia und ihre Familie haben uns beim Besuch ein Gefühl dafür gegeben, was es bedeutet, mit Leidenschaft Land- bzw. Viehwirtschaft zu betreiben. Die 28-jährige Powerfrau ist Schafbäuerin, die erste weibliche Obfrau der Schafjungzüchter in Tirol und all das schafft...

read more