Bewusstes Konsumieren im all-inklusive Urlaub möglich und gewünscht?

von | Feb 10, 2024 | Reportagen

In wenigen Worten

Urlaubszeit heißt Essenszeiz. Diese Reportage beleuchtet Konsum am All-inclusive-Buffet aus Mitarbeiterperspektive. Von Futterneid über fehlgeschlagene Probierteller und Verbesserungsvorschläge der Umwelt zur Liebe. Leonie berichtet als Kinderanimaturin über die Erwartungshaltung der Gäste und über Mühen sowie Macken von Service und Küchenpersonal.

Über die, die immer Essen können – live aus dem 4 ½ -Sterne Genussbunker über Umwelt- und Körperbewusstsein.

Früher für mich noch der Himmel auf Erden und jetzt kann ich sagen: ich habs wortwörtlich satt. Gala-Buffet ist immer freitags, türkischer Abend jeden Montag, Asia-Special gibts ab und an. Pizza, Risotto, Nudelvariationen und ein detailverliebtes Nachtisch-Buffet all day, every day. Ich bin mittlerweile seit 3 Jahren im Entertainment-Bereich der Clubhotellerie tätig, genauer gesagt in der Kinderanimation. Mein Appetit auf ausgefallene Gourmet-Teller und allabendliche 5 Gänge hat sich reguliert. Der Blick auf das Abendbuffet hat keine vor Neugierde große Augen und ist klar sowie ökologisch – ich esse dort meist die gleichen 5 Antipasti im Wechsel, primär, um meinen Kalorienbedarf zu decken, nicht um neue kulinarisch Sphären zu erkunden.  Mein Teller wird bewusst gefüllt und ich esse auch immer auf  – Gastegeber sein und kleine Kinderbeinen hinterherrennen kostet schließlich Energie. Verständlicherweise isst Gast xy, der nur zwei Wochen lang in Genuss der Speisen-Vielfalt kommt und auch mal aus Langeweile Teller Nummer 3 holt, hier anders.

Marktbilanz Milch, Erzeugerpreise seit 1980, Q: WIFO 2008

Meine beste Freundin besuchte mich an meinem Arbeitsplatz – und aß statt 2 Mahlzeiten täglich, wie sie es im Alltag tut, mindestens 4 Mal innerhalb von 24 Stunden.

Schön und gut, ich verurteile alles außer durch Essen in guter Qualität entstandene Urlaubskilos. Einige ernste Wörter zum Konsumverhalten an meinem Arbeitsplatz habe ich jedoch loszuwerden. Meine Gedanken beim täglichen Buffet-Beobachten:

Die Löwenfütterung – der Kampf ums Unlimitierte

Morgens, mittags und abends, also quasi durchgehend von 7:00 Uhr bis 21:30 Uhr Zugang zu einem riesigen Buffet. Bars geöffnet all around the clock. Dieses 24/7 Rundum-sorglos-Paket hat seinen Preis und wird erwartet sowie genutzt – logisch, kaum einer hat ja im Alltag so viel Zeit zum Schlemmen und Quatschen.  Geschlossene Restauranttüren? Die werden gerade einmal für ein bis zwei Stunden vor- und nach der Mittagszeit zum Eindecken der Tische und neu Bestücken der Kochzeilen toleriert. Eins kann ich dabei versichern: sollte ein kulinarisches Highlight am Buffet ausgehen, wartet in der Küche ein Berg mit Nachschub. Diese beruhigende Erkenntnis scheint aber zu einigen Urlaubern noch nicht durchgedrungen zu sein: genauso wie um Sonnenliegen diskutiert wird, würden sich die Gäste am liebsten auch um Priority-Zugang zum Restaurant prügeln, so mein Gefühl. Sobald Einlass gewährt wird, stürmen Jung und Alt das Buffet, als wäre nicht für die kommenden 3 Stunden alles im Überfluss vorhanden, sondern sogar der klassische Vorspeisensalat stark limitiert. Da wird Mensch schnell zum Tier. Der Futterneid sorgt für negatives Ambiente, Verletzungsgefahr und hektische Stimmung zur eigentlichen Erholungszeit. Nächstes Problem: Jeder steht unter völliger Reizüberflutung und ist aufgrund von längeren Wegen durchs Hotel, Sport und/oder Kinderbespassung sehr aktiv. Dann denkt der Durchschnittsgast auch noch, er hätte nicht die Chance, den Teller ein zweites Mal zu befüllen. Unter diesen Umständen ist das Loch im Bauch im Endeffekt nicht groß genug für den hart erkämpften Nachschlag auf dem Teller. Die Konsequenz? Halbvolle Teller, überstopfte Mägen und übervolle Mülleimer.

Und tatsächlich traurige Gesichter bei Service-Personal sowie Küchen-Team: Ob das Essen denn nicht schmeckt oder die Atmosphäre nicht passt, fragt da der Sous-Chef seinen Restaurantleiter – er kocht doch mit so viel Liebe und Qualität. Bestellungen können noch so schlau kalkuliert sein, dass im Lager nichts abläuft – gegen Lebensmittelverschwendung direkt durch den Gast können wir nichts tun.

Marktbilanz Milch, Erzeugerpreise seit 1980, Q: WIFO 2008

In der Küche ist genug für alle da: Das Abendbuffet an meinem Arbeitsplatz ist immer frisch und mit genug Nachschlag für jedermann.

 Ein kleiner Lichtblick ist Live-Cooking: Dessert-Teller oder Vorspeisen-Variationen werden handgerecht und portioniert vom Profi-Koch, mit einer angebrachten Portion Minimalismus. Aber dennoch, egal ob Löwe oder Mensch: wir haben Beine, die uns bei Bedarf auch mehrmals zum Buffet tragen. Und dass die Umwelt und die Verdauung uns für diesen kleinen Spaziergang dankt, sollte sogar nach einem Sonnenstich noch logisch sein. Balu aus dem Dschungelbuch ist durchs Befolgen seines Mottos – Probiers mal mit Gemütlichkeit – schließlich auch satt geworden.

Der Gast ist König – und der Gast is(s)t figurbewusst

Yoga-Events, Tennis sowie Tanz-Wochen und die täglichen Sportkurse von Bauch, Beine, Po bis zu Boxen gehören einfach dazu. Urlaub machen bedeutet für viele inzwischen eben auch aktiv sein. Egal ob individuell für die Endorphine oder ob als Teil einer Sportlergruppe von Golfern sowie Volleyballern quasi zum Schwitzen verpflichtet. Die wenigsten liegen nur noch auf der Liege. Unter diesen Umständen gibt es dann natürlich auch den ein oder anderen, der, wenn ja schon so sportlich, die üblichen 2 bis 5 Kilogramm Urlaubsspeck auf den Hüften vermeiden möchte. Diesen Wunsch muss das Buffet natürlich erfüllen – der Gast steuert nach Nachfrage / Angebot-Prinzip. Während Pommes und Pasta im Laufe des Abends oft nicht mehr nachgefüllt werden, stehen alle Schlange beim veganen Gourmet-Teller. Auf gesunde Ernährung zu achten ist ja schön und gut, nur muss man(n) auch wissen, was für Körper und Umwelt gut ist, bevor man(n) den eigenen Lifestyle als healthy bezeichnen kann. Denn die Gleichung vegan = gesund geht leider nicht immer auf, genauso wenig wie fleischlos als Synonym für umweltbewusst gewertet werden kann.Ich bin froh, dass der Küchenchef bei seinen fleisch- und (zumindest augenscheinlich) quasi kalorienfreien Angeboten auf Gemüse-Antipasti und Zucchini-Nudeln anstatt ,,meatless-Grillfleisch“ und Sojajoghurt setzt. Denn die Urlauber, welche ich danach frage, wissen kaum über die Inhaltsstoffe von den in Supermärkten verbreiteten, veganen Fleischalternativen Bescheid und sind überrascht, diese nicht im Urlaub vorzufinden. Und dabei muss ich mir immer wieder bewusst machen: Es ist nicht mein Job, Frau von Welt zu erklären, dass sie mit Rohkost nicht ihren Nährwertbedarf deckt.

Marktbilanz Milch, Erzeugerpreise seit 1980, Q: WIFO 2008

Sommer, Sonne, Sonnenschein – und dabei fit bleiben. Viele nehmen sich im Urlaub bewusster Zeit für Sport als zu Hause und genießen den Fokus auf Körper und Geist.

Auf den Punkt gebracht, es geht ums Körpergefühl und niemand soll im Urlaub unausgewogener essen, als er oder sie möchte. ABER jeder Hotelbetrieb, der dies gewährleisten möchte, muss bei seiner Shoppingliste definitiv auf Herkunft und Qualität der Schonkost achten, denn sonst wird der schlanke, vegetarische Engel schnell zum Fleischalternativen verherrlichenden Öko-Teufel. Problem hierbei: Gemüse und Obst gehören auch zu den Lebensmitteln, die am schnellsten ablaufen. Der Food & Beverage-Manager sagt, wenn viele Sportler im Haus sind, trainiere auch er besonders intensiv – nämlich seinen Gehirnmuskel. Denn bei Rohkost blinkt das Warnschild ,,Lebensmittelverschwendung“ dunkelrot – wenn nicht schlau gekocht wird.

Der Giude zur grünen Hotellerie – erst Schritte zum umweltbewussten Buffet

Summa summarum und unterm Strich können wir als Hotelbetrieb nicht dauerhaft das Konsumverhalten unserer Gäste ändern. Wir können nur durch Kochkurse und Vorträge über das Thema Ernährung Bewusstsein wecken. Und bei der Unternehmensbilanz auch den ökologischen Fußabdruck miteinkalkulieren. Das bereits erwähnte abfallgefährdete Obst und Gemüse wird in Salaten, Antipasti oder Eintöpfen verwertet, sodass kein Lebensmittel unverarbeitet den Todesmarsch zum Müller antritt. Außerdem werden, vor allem bei Fleisch, Fisch und Beilagen die Stichworte regional sowie saisonal GROßGESCHRIEBEN. Soweit das möglich ist, wenn die Hälfte der Kundschaft quasi 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr nach Pommes, Pide und paniertem Schnitzel fragt.

Marktbilanz Milch, Erzeugerpreise seit 1980, Q: WIFO 2008

Die Müllhalde hinter dem Hotelrestaurant ist vor allem nach Feiertagen oder besonderen Events im Haus gut gefüllt – zu speziellen Anlässen werden eben oftmals auch spezielle Mahlzeiten ausgefahren.

Unsere Lieferanten und Produzenten sind aber eindeutige nach den Kriterien ,,möglichst nah“ und ,,möglichst bio“ ausgewählt. Ausgefallene Motto-Abende mit Themen wie ,,all around the world“  schrien nach stundenlangen Lebensmitteltransporten und werden zum Glück gerade out. Die fürs Kinderbuffet vorbereiteten Mengen sind an die Anzahl der Minderjährigen im Haus angepasst. Das Angebot am Buffet ist zumindest morgens und mittags ohne größere Abwechslung, sodass bei Großbestellungen sowie Lebensmittelkalkulationen mit Erfahrungswerten gearbeitet werden kann. Um als Fazit also nochmal zu betonen: Endgegner im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung ist also wirklich nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum, sondern der Gast. Zum Glück bescheinigen mir aber einige der Gäste, mit welchen ich mich über das Thema Konsum unterhalte, dass sich ihr Appetit nach einigen Urlaubstagen wieder reguliert und nach der ersten Woche im Paradies mit sinkender Neugierde auch wieder weniger getestet wird.

Lange Rede, kurzer Sinn – wer sich’s leisten kann, der darf auch! Aber muss er auch?

Im Endeffekt stört mich bei jedem aufgegessenen Teller am meisten die fehlende Dankbarkeit und Wertschätzung gegenüber dem Fakt, immer ausreichend verpflegt zu sein. Hast du Geld, gehört dir konsum-technisch gesehen die Welt. Und klar, Essen ist nicht nur Decken des Kalorienbedarfs, sondern Genuss. Aber wiederum auch kein Wettbewerb. So lapidar es sich anhört, an einem Buffet zu essen bringt auch Verantwortung mit sich – ich möchte hiermit einen Appell an Bodenständigkeit senden und sagen: Wir denken schon bewusst, dann geht diesen Schritt bitte auch mit uns.

wer hat´s geschrieben?

Lenoie Stoll
Leonie studiert Marketing, aber nur online und Teilzeit, denn sie arbeitet in der Clubhotellerie. Seit Tag 1 ist sie Genießerin, wenn es um Essen geht. Bewusster Umgang mit Lebensmitteln und gesunde sowie abwechslungsreiche Ernährung sind für sie eine Herzensangelegenheit. Und natürlich das Schreiben.

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