Lost in Lactation

von | Jul 12, 2023 | Reportagen

In wenigen Worten

Zum Jahreswechsel 1994 auf 1995 verschwanden in Österreich 165.000 Milchkühe spurlos. Lost in Lactation begibt sich auf Spurensuche. Mit unerwarteten Ergebnissen und einem etwas bitteren Beigeschmack.

Anfang 1995 sind in Österreich 165.000 Milchkühe spurlos verschwunden. Es gab weder einen Aufschrei, keine Vermisstenanzeigen, noch kam es zu einer breit angelegte Fahndungsaktion. Wohin sind diese Tiere verschwunden, welche Motive hatten die Täter, wer waren sie? Gleichzeitig gaben die übrigen Milchkühe plötzlich deutlich mehr Milch.

Heute, fast dreißig Jahre später, konnten die Hintergründe dieser mysteriösen Vorgänge endlich geklärt werden. Aber Achtung, es wird mörderisch, extraterrestrisch und wird einige von euch bis an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit bringen … NOT!

Aber auch ganz ohne Blutvergießen und ausserirdischen Nervenkitzel bleibt dieser Knick in der Optik bzw. in der Statistik spannend und lehrreich.

Was war geschehen? Ein kurzer Aufriss

Tatbestand 1: Die durchschnittliche Anzahl der Kühe pro Milchviehbetrieb sank von 1994 auf 1995 von 71% auf 56%, im Verhältnis zum Jahr 1946 (=100%). In absoluten Zahlen war dies ein Rückgang von 804.264 auf 638.339 Tiere.

Tatbestand 2: Die Milchleistung pro Kuh stieg von 1994 auf 1995 von 295% auf 334%. Gemessen wir hier auch hier auf Basis der Milchleistung pro Kuh aus dem Jahr 1946 (=100%). In absoluten Zahlen stieg also die durchschnittliche jährliche Milchleistung pro Tier von 4.076 auf 4.619 kg.

Kleine Ergänzung: Die Entwicklung der Milchleistung pro Kuh ist für sich genommen schon hoch interessant, liefert doch “dasselbe” Tier gegenwärtig mehr als 5x so viel Milch, wie noch vor gut 70 Jahren.

Kontext

Im Rahmen einer Weiterbildung präsentierte ein österreichischen Datenjournalist, wie auch bereis die Jahre zuvor, eine Grafik, die er sich nicht erklären konnte. Eine Art Denksportaufgabe mit Krimi-Charakter.

Natürlich weckten diese rätselhaften Zahlen das journalistische Interesse eines angehenden Agrarjournalisten und die Suche begann.

Erste Ermittlungsansätze

Da es sich um Kühe handelte, war der erste Recherche-Ansatz bald klar. Milchbauern, die damals Milchkühe gehalten haben. Die Frage stieß dort sogleich auf ein zustimmendes Kopfnicken. “Das war der EU-Beitritt”, waren hier die ersten klaren Antworten. Die Vermutung, dass die EU in diesen Fall verwickelt sein könnte, hatte bereits bestanden, den Österreich ist mit 1.1.1995 dem Bündnis beigetreten. Mit dem Beitritt war auch der bisher deutlich höhere inländische Milchpreis eingebrochen und sogar noch unter dem durchschnittlichen Preis der damals EU-15 gefallen.

Marktbilanz Milch, Erzeugerpreise seit 1980, Q: WIFO 2008

Wifo, 2008 – Marktbilanz Milch, S. 20

Viele, vor allem kleine Betriebe haben in dieser Zeit (und noch bis heute) das Handtuch geworfen, den Betrieb aufgegeben und ihre Flächen verpachtet. Jedoch waren es nicht annähernd so viele Betriebe, um das Verschwinden von 165.000 Milchkühen annähernd zu erklären. Geschweige denn die gleichzeitige Zunahme der Milchleistung.

Ein paar der befragten Bäuerinnen und Bauern erklärten, dass die bestehenden Kühe bisher noch nicht auf volle Milchleistungsfähigkeit gehalten, also gefüttert wurden. Mit fallendem Milchpreis, erklärten sie, wurde auch der Anteil an “leistungssteigerndem” Kraftfutter an der täglichen Futter-Ration erhöht, um fehlende Einnahmen über die Menge zu kompensieren. Auch das stimmt. Die langfristige Leistungssteigerung der Milchkühe spiegelt sich auch in der Zeitreihe wider. Nur erklärte auch das nicht, nicht einmal annähernd, die massive Leistungszunahme.

Neben diesen, noch halbwegs nachvollziehbaren Erklärungsfragmenten, kamen noch viele weitere Aspekte ins Gespräch. Konnte es sein, dass tatsächlich eine Vielzahl an sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren zu so einer eindeutig messbaren Veränderung führte? Es war zum Haare-Raufen, als würde einem die Sache über den Kopf wachsen. Doch wie so oft, hilft es, die Sache ein wenig ruhen zu lassen und an andere Dinge zu denken. Nach nunmehr 30 Jahren konnte den damals entführten Kühen ohnehin nicht mehr geholfen werden. Es war ein Cold-Case und der konnte noch ein wenig weiterkühlen.

Der Durchbruch

Ein Satz blieb in der ganzen Recherche aber latent hängen: “Vermutlich ist es wieder nur ein Rechenfehler”, sagte einer der befragten Bauern. Konnte es tatsächlich sein, dass ein derart großer Knick in einer Statistik “einfach mal so passiert” ist und sich in den vergangenen 30 Jahren niemand darum gekümmert hat, den Fehler zu korrigieren? Wurden die armen Kühe letzen Endes gar nicht verschleppt, sondern vielmehr verrechnet?

Die bisherigen Ermittlungen führten zwar zu tieferen Einblicken in das System der Milchwirtschaft, brachten jedoch nur wenig Licht in das andauernde Dunkel, welches die 165.000 vermissten Kühe umgab. Die neue Spur, wenngleich sie auch ein wenig mager zu sein schien, gab doch neue Hoffnung.

Zum Glück gibt es auch unter den Journalisten erfahrene Kollegen, die neben aufgebautem Wissen auch über ein sehr breites Netzwerk an Experten verfügen. Ein kurze Email mit ein paar Erklärungen, der Beschreibung des Problems und einer angehängten Grafik führte zu einem sehr raschen Rückruf. “Ich bin mir nicht ganz sicher, was das sein könnte, aber ich weiß jemanden, den du fragen könntest!” Zwei Telefonnummern und einen Anruf später war dann jener Mensch am anderen Ende der Leitung, der seinerseits bei der Entführung geholfen hatte.

Die Lösung

Tatsächlich war keine einzige Milchkuh verschwunden. Bevor Österreich der EU beitrat, wurden sämtliche Rinder, die auf einem Milchvieh-Betrieb lebten, als “Milchkuh” gezählt. Faktisch war es aber so, dass es neben den primär zur Milchproduktion gehaltenen Rindern auch solche gab, die für andere Zwecke gehalten wurden. (z.B. Mutterkuh-Haltung, Ammenkühe, Zucht)

Mit dem Beitritt zur EU wurden auch die Zählweisen und Klassifizierungen harmonisiert, verändert und wie im Fall der “Milchkühe” auch verfeinert. Mit einem Mal wurden also nur mehr die tatsächlich Milch produzierenden Kühe als “Milchkühe” gezählt. Durch einen Hinweis eines weiteren Experten, konnte schließlich auch der entsprechende “Gegenknicks” in den Daten gefunden werden. Die verschwundenen Wiederkäuer waren von Milchkühen zu “anderen Kühen” mutiert.

Damit erklärt sich auch der Knicks hinsichtlich der Milchleistung. Da es sich dort um die durchschnittliche Milchleistung “pro Kuh” handelte, musste die Gesamt-Milchmenge nun rechnerisch auf deutlich weniger Kühe verteilt werden. Dadurch stieg dieser Wert natürlich entsprechend stark an.

Die Konsequenzen

Das Positive an der Klärung dieses Falles:

Es kam tatsächlich keine Kuh zu Schaden. Niemand wurde entführt.

Die weniger positive Konsequenz im Speziellen, vor allem aber im Allgemeinen:

Die österreichischen Zahlen der Milchkühe im Wortsinn, sowie die durchschnittlichen Werte der Milchleistung pro Kuh waren zwischen 1946 und 1994 stark verfälscht. Somit sind auch sämtliche auf ihnen aufbauenden Werke, Studien, Statistiken, Diplomarbeiten, etc. Und somit auch die aus ihnen gezogenen Schlüsse falsch bzw. verfälscht.

Diese Studien dienen dann wiederum für andere als Entscheidungsgrundlage und halten dort und da sogar Einzug in Gesetzesvorlagen oder anderer langfristig wirksame Handlungen.

Der Schluss

Statistiken sind von enormer Bedeutung, um sich und anderen ein Verständnis der Welt und ihrer Zusammenhänge zu ermöglichen. Jeder kennt den Satz “Vertraue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.” Immer wieder werden Menschen aus Eigennutz und vorsätzlich Statistiken fälschen oder aus dem Kontext reißen. Was kann hier helfen? Entweder verfügt man selbst über ein ausreichend gutes Fach- und Statistikwissen, um solche Tricks und Betrügereien zu enttarnen. Oder aber man kann auf vertrauenswürdige Quellen und gut ausgebildete Wissenschaftlerinnen und vor allem auch Journalisten vertrauen.

Gleichzeitig ist in vielen Fällen nicht die böse Absicht der Erfüllungsgehilfe der verzerrten Statistik. Oft, wie auch in diesem Fall, führen weitreichende und komplexe Veränderungen, wie eben der EU-Beitritt samt gemeinsamer Agrarpolitik (GAP), zu Verschiebungen, Brüchen und Auffälligkeiten. In diesem Fall lag die Ungenauigkeit jedoch in der Zeit davor, weil zwar eindeutig (= Milchkuh) kommuniziert wurde, tatsächlich aber sehr ungenau (= alle Rinder am Betrieb) gezählt wurden.

Letztlich liegt folgende Vermutung nahe: Wenn derart eklatante Ungenauigkeiten in der Datenerhebung bei der Erhebung des österreichischen Rinderbestandes auftreten können, dann wird es wohl noch weit mehr, unsere Welt in Zahlen beschreibende, Statistiken geben, die bereits an der Basis fehlerhaft sind. Somit ist auch alles, was darauf aufgebaut ist, konsequenterweise, fehlerhaft. Das ist der bittere Nachgeschmack, der die wunderbare Welt der Zahlen begleitet und dessen wir uns gewahr sein sollten.

Jeder, der Zahlen produziert, in Excel-Sheets kalkuliert oder diese später öffentlich kommuniziert, trägt damit eine große Verantwortung. Vermutlich sogar eine viel größere Verantwortung, als uns gemeinhin bewusst ist.

wer hat´s geschrieben?

Wilhelm Geiger
Geboren, gefüttert und aufgezogen in Salzburg. Weiterverarbeitet in Wien, wird die ganze Sache langsam rund und verwertbar 😉

Eure Meinung

1 Kommentar

  1. Andrea Dumpfhart

    Danke Willy für diesen Artikel! Ich steh grad da wie der Ochse vorm neuen Stalltor angesichts dieser Fakten.
    Such Corona hat gezeigt, wer wie mit welchen Zahlen hantiert und das hat mich auch ehrlich gesagt ziemlich schockiert.
    Danke fürs nochmal ins Bewisstsein-rücken!

    Antworten

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