B2P002 Patricia Kofler- Powerfrau auf der Alm
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Wilhelm Geiger
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Bianca Blasl
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Patricia Kofler

Zum Nachlesen …

 

 

Powerfrau auf der Alm – Patricia Kofler

 

Patricia und ihre Familie haben uns beim Besuch ein Gefühl dafür gegeben, was es bedeutet, mit Leidenschaft Land- bzw. Viehwirtschaft zu betreiben. Die 28-jährige Powerfrau ist Schafbäuerin, die erste weibliche Obfrau der Schafjungzüchter in Tirol und all das schafft sie neben ihrem Vob als Disponentin beim Lagerhaus in Innsbruck.

 

Warum Schafe so wichtig für uns und die Almen sind, welche Bedeutung regionale Lebensmittel für Patricia haben, warum sich Frauen immer beweisen müssen, wie sie Studium, Familienleben und Freizeit auch noch schupft und warum beim Thema Wolf die Emotionen mit den Tiroler Bäuerinnen und Bauern durchgehen, erzählt sie uns beim Gutenmorgenkaffe im Stall.

 

Patricia, Papa Walter und Bruder Christian bewirtschaften den Hammerschmiedhof in Wörgl, Tirol. Auf 100 Hektar Hochalm auf bis zu 2400 Höhenmetern verbringen ihre 100 Tiroler Bergschafe zusammen mit Pferden und Kalbinnen (so nennt man junge Kühe, die selbst noch kein Kalb geboren haben, also quasi die Teenie-Kühe). Sie schlachten selbst und vermarkten das Fleisch direkt. Als angesehene Züchter räumen sie regelmäßig Medaillen bei Zuchtbewerben ab. Die Rassetiere sind teilweise mehrere tausend Euro wert. Reich wird man davon aber trotzdem nicht – ganz im Gegenteil: ohne Leidenschaft und Idealismus geht gar nichts.

 

Powerfrau – Bauerfrau

 

Landwirtschaft und die Liebe zu den Tieren sind Patricia in die Wiege gelegt. Von klein auf ist Patricia mit ihrem Vater unterwegs, lernt alles über Landwirtschaft, Schafzucht, Kühe und Pferde. Mit 20 Jahren schickt er sie zum ersten Mal alleine Schafe bei einem Bauern kaufen. Dem handelt sie dermaßen das Weiße aus den Augen, dass der Papa daheim nur so schaut. Ihre Überstunden bei ihrem Job als Zuchtwartin und Klassifiziererin in Schlachthöfen baut sie ab, indem sie den Landwirtschaftsmeister macht, die Arbeit in der Landwirtschaft und ihre Funktion als Obfrau sind für Patricia gleichermaßen Freizeit und Ausgleich. Damit einen das Hamsterrad des Alltags nicht erschlägt, gibt sie jungen Kolleginnen und Kollgen den Tipp, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen.

 

Mein Vater, mein Arbeitskollege

 

In der Landwirtschaft sind Familie und Arbeitskollegen oft dieselben Personen. Auch wenn es Diskussionen und Streitpunkte gibt, muss man sich gezwungenermaßen zusammenraufen. Aus dem Weg gehen kann man sich nicht. Warum das zusammenschweißt und wie genau das noch stärker macht, erzählt uns Patricia im Podcast.

 

Vom Schafeschlachten und – essen: wie man Tierwohl schmeckt

 

Den ganzen Sommer dürfen Koflers Schafe auf der Alm verbringen, fressen das saftigste Gras und die besten Kräuter. Auf der Alm brauchen die Schafe viel länger Zeit, um Fleisch anzusetzen, als im Stall. Wie die Alm im Schaf schmeckt und warum sie sich den Aufwand antun, verrät uns Patricia im Gespräch.

 

Papa Walter ist seit über 35 Jahre Fleischhauer. Schlachtet und verarbeitet alle Tiere selbst. Ich durfte beim Schlachten dabei sein. Meine Anspannung war groß. Walter begegnet den Tieren mit dem größten Respekt. Jeder Handgriff sitzt. Zurück bleiben Ehrfurcht und ein gutes Gefühl. Hier wachsen die Tiere unter guten Bedingungen auf, werden professionell und respektvoll geschlachtet. Was übrig bleibt: 6 Euro pro Kilo Fleisch. Der Markt ist schwierig, weil Lammfleisch kaum mehr gegessen wird, weil wir nicht mehr wissen wie das Lamm zubereitet wird, meint Patricia. Wenn dann gibt´s das Lamm im Gasthaus und dann kommt´s aus Neuseeland oder Irland. Warum, weiß sich Patricia nicht zu erklären. Sie und ihr Vater verkaufen ihr Lammfleisch hauptsächlich an Stammkunden – oft arabische Familien: Die wissen noch wie man Schaf zubereitet. Diese Familien kaufen 100 mal regionaler als wir, weil sie das Tier und frische Produkte wertschätzen, meint sie.

 

Almrasenmäher, 30 Kilometer Zaun und emotionale Wolfsdiskussion

 

Damit wir Urlaub auf den Almen machen können werden Schafe gehalten – auch. Schafe haben eine Art zu grasen, mit der sie die Almen so erhalten, wie wir sie kennen: grüne Grasflächen auf denen sich Kuh, Pferd, Schaf und Mensch wohlfühlen. Würden die Almen nicht mehr mit einer Kombination aus diesen Tieren beweidet werden, würden sie zuwuchern, verbuschen wie der Profi-Bauer sagt. Wir könnten nicht mehr wandern, die Tiere hätten kein Futter mehr und könnten nicht mehr grasen. Außerdem steigt die Lawinen- und Murengefahr erheblich, da Schnee und Geröll wesentlich leichter über Büsche und langes Gras abrutschen.

 

Die Alm der Koflers ist gepachtet. Ohne Leidenschaft für Tier, Land und Natur geht gar nichts. Nur um die Schafe halbwegs in den 100 Hektar zu halten, also um zu verhindern, dass sie ständig ausbüchsen, stecken Patricia und Walter jedes Jahr circa 30 Kilometer Zaun. 30 Kilometer, die sie dann am Ende der Almsaison wieder abbauen, sonst würden ihn die Lawinen mitreißen.

 

Auf den Nachbaralmen hat in den vergangenen Wochen und Monaten ein Wolf unzählige Schafe gerissen. Viele Bäuerinnen und Bauern rundherum mussten deshalb die Entscheidung treffen die Tiere fünf Wochen früher als geplant von der Alm abzutreiben. Nun stehen sie bei 30 Grad in den Ställen im Tal. Die Wiesen im Tal sind eigentlich Winterfutter und werden erst gemäht. Die Bauern müssen Futter zukaufen während die Almwiesen mit dem besten Futter vertrocknen.

 

Warum das Alles?

 

Antwort: Leidenschaft für gesunde Tiere und Lebensmittel, für die Berge und die Alm, für die Landwirtschaft.

 

 

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Bianca Blasl 

4 Kommentare

  1. Avatar

    Hallo,

    Das die Vermurungen durch vermehrter Verwaldung steigen werden, klingt für mich sehr unlogisch.

    Das einige unzulängliche Stellen verbuschen werden, dürfte wohl nicht zu vermeiden sein.

    Aber das die gesamte Alm verbuscht, weil keiner mehr diese wirtschaftlich nutzt, ist schlichtweg falsch. Wenn Interesse besteht, kann ich gerne den Kontakt zu den schweizer- und italienischen Landwirten herstellen, damit diese über Ihre Expertise mit Ihnen teilen können.

    Gleiches Terrain, gleiche Nutztiere und hier funktionert die Almwirtschaft 🙂

    Kleine Notiz am Rande zwecks Hirtensuche: In der Schweiz kann man seinen Zivildienst als Hirte absolvieren 😉

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    • Wilhelm Geiger

      Hi Sebastian, vielen Dank für deinen Kommentar und deine Perspektive. Wir haben seit gestern eine neue Podcast-Folge online, mit Christian Kofler, wo dieses Thema auch ein wenig gestreift wird. Hör gerne mal rein.
      Ich möchte dich oder aber auch deine schweizer oder italienischen Kollegen einladen, Eure Sichtweise gerne als “Geschichten”-Beitrag auf unserer Seite veröffentlichen. (https://www.bauertothepeople.at/von_euch/) … Im Moment ist es dort noch recht leer, wir sind aber auch grad erst losgestartet. Also, die Einladung steht 🙂
      lg Willy

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    • Avatar

      Hi Sebastian! Ich hab mich mit diesem Thema vor über 30 Jahren schon wissenschaftlich beschäftigt. Das Thema ist sehr komplex. Es gibt Almen über der natürlichen Baumgrenze, die verwalden ohne Beweidung natürlich nicht. Das sind die Hochalmen, wo die Tiere bei uns oft erst im Juli hinkommen, weil dort der Schnee so lange liegt, dass vorher zu wenig wächst. Generell sind die Westalpen höher als die Ostalpen, daher gibt es in der Schweiz Gegenden, wo überhaupt nur solche Almen sind. In Österreich haben wir auch viele Niederalmen, die oft schon im Mai genutzt werden, und Mittelalmen, wo die Tiere ab Juni weiden. Das sind Flächen, die im Mittelalter gerodet worden sind. Die muss man laufend pflegen, damit sie nicht wieder zuwachsen. Ob das Zuwachsen ein ökologisches Problem ist oder nicht, hängt von der Steilheit ab. Sehr flache Hänge würden halt langsam zu Wald. Das wäre nur deshalb schade, weil auf Almen eine viel höhere Biodiversität herrscht als im Wald, und weil man Wälder in diesen Höhen auch nur schwer zur Holzgewinnung nutzen könnte. Probleme ohne Beweidung gibt es mit steileren Almen unter der Baumgrenze. Die Tiere “bauen” auf diesen Hängen kleine Terrassen, und sie fressen das Gras ganz kurz ab. Wenn dann im Winter Lawinen abgehen, sind es Oberlawinen, d. h. die unterste Schneeschicht rutscht nicht mit. Ohne Beweidung werden die Hänge glatt und das lange Gras bildet eine ideale Rutschbahn für Grundlawinen, die etwas vom Boden mitreißen. Durch den Betritt der Tiere verdichtet sich der Boden, und wenn es stark regnet, fließt das Wasser oberflächlich hinunter in den Bannwald, dessen Boden viel Wasser aufnehmen kann. Ohne Betritt lockert sich der Boden, Regenwasser dringt in Hohleräume ein, und dann entstehen Muren. Besonders gefährlich sind einzelne verstreut aufkommende junge Bäume, denn die werden im Winter von den Lawinen ausgerissen, und dort, wo der Wurzelteller war, ist dann eine kahle Stelle, die nicht so bald zuwächst und sich durch Lawinen und starke Niederschläge immer weiter vergrößert. Auf einer solchen Fläche kann nicht viel wachsen. Das heißt, dort entsteht eben nicht von selber ein Wald bzw. wenn, dann erst in ein paar hundert Jahren. Wenn man Muren verhindern will, müsste man diese Flächen aufforsten. Da müsste man aufwändige Lawinenverbauungen dazu stellen. Weil im 19. Jahrhundert Raubbau am Wald betrieben worden ist, hat man nach dem 2. Weltkrieg zum Schutz der Täler ohnehin viele solcher Hochlagenaufforstungen gemacht, nämlich auf Flächen, die sich nicht mehr als Almen geeignet haben. Das war sehr teuer und wäre heute wohl gar nicht mehr finanzierbar. Am besten ist es daher, die Almen weiter zu pflegen und zu bewirtschaften.

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  2. Avatar

    Vielen vielen Dank für eure Informationsarbeit!! Patricia bringt so Vieles auf den Punkt, kann es jenen vermitteln, denen die Erfahrung fehlt.
    Eine kleine Ergänzung zum Wolf: Wolfsschützer warnen immer wieder mit Recht davor, den Wolf nicht anzufüttern, weil er sonst dem
    Menschen gefährlich werden kann. Einem Weidetierhalter auf der Alm bleibt aber nichts anderes übrig, als mit dem Wolfsfutter spazieren zu gehen. Wie soll er vor dem Wolf keine Angst haben? Es gab in früherer Zeit sehr wohl Todesopfer, die meisten waren Hirten, vor allem Hirtenkinder. In den französischen Alpen haben mittlerweile alle Hirten ein Gewehr, weil es bereits zu brenzligen Situationen gekommen war.

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